Music Video Review: Anna Murphy – Mayday

Anna Murphy – „Mayday“ 04:43’, 12. August 2016 – Lucerne, CH.

Anna Murphy legt mit ihrer persönlichen Performance in Mayday einen Notrufschalter zur Rettung von Lyric-Videos um. Mit einer simplen Intensität fügt sie einer bislang eher gelangweilt wirkenden Ästhetik, Liedtexte möglichst als brandaktuelle Animation zu präsentieren etwas hinzu, das mir bisher unbekannt war.

Ja, es gibt sie auch bei ihr, die animierten Wörter, wie sie z.B. bei der Band ‚Muse‘ sowohl zur Premiere von Songs im Netz, als auch auf Konzerten in einem permanent überbordenden Medienfetischismus eingesetzt werden. Und zwar so, dass auch wirklich alle, ständig mit bunten Farben und geometrisch, digital verspielten Formen zur Not durch auf Drohnen geklebte LED-Beamer die Möglichkeit zum Mitsingen auf die Augen gedrückt bekommen.
Was Anna Murphy macht ist allerdings etwas worauf ich eine unbewusste Hoffnung hatte, dass es endlich einmal passiert. Es ist sehr intim und wirkt auf andere, die vielleicht neue Musik von ihr mit weniger Spannung erwarten, zu präsent, zu monoton, da das Video in seiner Planparallelität den perspektivischen Ausschnitt ihres Gesichts bis zu den Schultern während des Liedes durchexerziert. Trotz der zunehmenden Existenz von Videodokumenten im Web, die Bands bei der Aufnahmen von Songs im Studio zeigen, rückt mit Mayday in über vier Minuten, die ausschließliche Performance eines Liedtextes durch die Interpretin in den Fokus. Die Mimik der Sängerin kann in Bezug zu jeder Silbe beobachtet werden.

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Sie erstellt mit dieser Performance ein Original.
Wenn ich versuchen würde den Song nachzusingen, ich würde mich an ihrem Ausdruck orientieren, genauso wie mir in meiner Jugend in den Songs von ‚Rage Against the Machine‘ jede Zwischensilbe, jedes Yeah, jedes Uh! und die Betonung von ‚A[r]lrighet‘ wichtig war.
Natürlich stellt Murphy hiermit die Facetten ihres Ausdrucksvermögens unverblümt aus, und natürlich ist es nur eine von vielen Performances – aber sie ist frisch nach der Aufnahme des Songs entstanden, in einem Take, in einer Stimmung, wie in der Erläuterung zum Video zu lesen ist. Für Murphy scheint es eine halbwegs spontane Aktion nach einer durchgemachten Nacht gewesen zu sein, sie riskiert die Momententscheidung zur Veröffentlichung und spielt dabei mit den zu erwartenden Reaktion im Social Web.
Dieser offene, starke Moment bietet uns an unter dieser Dauerbeobachtung ihre Gesichtsausdrücke in relativ enge Bindung zum Text zu setzen. Stärker als in normalen Musikvideos, bei denen meistens nur Stichworte oder Phrasen durch gezielte Einschnitte hervorgehoben werden und das drumherum einer Storyline oder der Inszenierung einer Band folgt.
Auch sehen wir hier kein lustiges Schauspiel, wie es bei ‚Luciano Rosso‘ in vielen Youtube Videos zu finden ist. Das Music-Lyric-Video ist persönlich verbunden mit der Intention im Songwriting von Anna Murphy. Was denkt die Sängerin bei jeder Zeile, bei jedem Wechsel ihres Gesichtsausdrucks – was fühlt sie?

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Durch Annas Blick in die Kamera fühle ich mich direkt adressiert. Das ist schön. Irgendwie bin ich sogar dankbar, das endlich mal so erleben zu dürfen. Sonst sind ja viele Künstler*innen gewissermaßen unnahbar, überlassen einem die Auslegung der Bedeutung und damit auch die Zweifel. In Mayday werden rationale Zweifel textlich und die emotionale Schwankung durch die sich verändernden Mimik der Sängerin ausgesprochen – alles ganz klar.
In der technischen Gemachtheit des Videos fallen zusätzlich der neben die Kamera fallende Blick (Spickzettel, vermutlich), das leicht wehende Haar, der Unschärfe-Effekt und die rot animierte Schrift der Lyrics auf.
Die Produktion und das Editing des Videos ließ sich relativ schnell klären, iPad und der dazugehörige Pencil, etwas Zeit, um die gekritzelten Schrift-Bilder mit einfacher Software zusammen zu basteln. Anna hat mir geantwortet, dass es sehr heiß im Studio gewesen sei und der Wind in den Haaren, das Video etwas bewegter macht – ich würde sagen, dass es die räumliche Atmosphäre angenehm auflockert.
Anna ging es in dem Clip besonders darum ein Zwischending aus lautem Einsingen und der emotionalen Performance zu finden, weswegen sie beim Filmen des Videos die Aufnahme eher leise mitgesungen hat, sodass sie ihren Gesichtsausdruck als passend empfand. Der Unschärfe-Effekt ist m.M. nach ein bisschen mit dem Zoom-Verhalten in Amateur-Home-Videos aus den 90ern zu vergleichen und nun ja, des Effekts wegen eingesetzt, wie Anna zugibt, „Irgendwann würden mir auch die Ideen ausgehen was ich mit der Kamera anstellen könnte ohne zu singen.“
Währenddessen entsteht eine Passage, um in das melodiöse Spiel von Annas Drehorgel abzudriften, die sie normalerweise gleichzeitig zum Singen spielt, worauf sie in ihrer Fokussierung auf den Gesang dieses Mal verzichtet.

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Bislang kenne ich kein Video, keine Form außer der live Performance, die den Text eines Liedes so nah und authentisch rüberbringt, so pur, dass sogar das Kontextwissen kaum zu einer weiteren Offenbarung zu führen scheint. In Mayday liegt einfach alles vor oder lässt sich dank spontaner Kontaktaufnahme und mit einfachen Worten beantworten – alles ganz klar und nah.

Wenn doch andere Interpreten das auch einmal machen würden, geht es mir durch den Kopf  … würde mir wohl eine Fortsetzung dieses Stils gefallen ?

 

 

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Web-Airplay: Anna Murphy – „Mayday“ 04:43’, 12. August 2016 – Lucerne, CH.
Link: www.youtube.com/watch?v=DHAFCeMV6RY

Actors: Anna Murphy
Song Production: Marco Jencarelli, Anna Murphy
Artwork, Photography, Video-Production: Anna Murphy, Merlin Sutter

Music-/Video Rights:
Anna Murphy / Standard-Youtube-Licence. Screenshots taken from the video.

The Song is taken from the album “Cellar Darling (2013 / 2016) [Extended]“,
https://annamurphy.bandcamp.com/album/cellar-darling-2013-2016-extended.

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