Mr. Holmes

Die Figur “Sherlock Holmes”, erschaffen von Sir Arthur Conan Doyle, ist wohl einer der wandelbarsten Charaktere, der gegenwärtig immer wieder in andere Szenarien eingebettet wird. In der BBC Miniserie Sherlock verkörpert Benedict Cumberbatch den Detektiv als einen hyperintelligenten Hipster, der durch seinen Hang zur Informatik auf neuartige Medientechniken zurückgreift, um seine Fälle rational zu lösen. Guy Ritchie stigmatisiert Holmes in seinen Filmen eher als einen Actionhelden, der die Faustschläge seiner Gegner vorausahnen kann, um mit höherer Schlagintensität (und in Zeitlupe) zu kontern.
Mr. Holmes von Regisseur Bill Condon, der auf der Buchvorlage „A slight Trick of the Mind“ von Mitch Cullin basiert, charakterisiert den Protagonisten nun als dementen Greis, der seit 30 Jahren im Ruhestand ist, aber nichts von seiner Nonkomformität und Widerspenstigkeit eingebüßt hat.Ian McKellen in Mr Holmes.1947 in England. Sherlock Holmes hat sich auf ein ländliches Anwesen zurückgezogen, wo er nun mit seiner Haushälterin Mrs Munro und ihrem Sohn Roger lebt. Krampfhaft versucht Holmes, sich an seinen letzten Fall zu erinnern, den sein ehemaliger Partner Dr. Watson in einem Roman niedergeschrieben hat. Es ist das Ende dieser Erzählung, welches ihm missfällt, da es aus seiner Sicht fiktiv ist. Nur kann er sich nicht mehr an die wirklichen Geschehnisse erinnern, die ihn offenbar vor langer Zeit dazu gebracht haben, seine Arbeit als Detektiv aufzugeben. Im stetigen Kampf gegen seine Krankheit gelingt es Holmes auf seiner Suche nach Antworten und dem richtigen Ausgang der Geschichte, seine Erinnerungen im Verlauf des Films wie ein Puzzle zusammen zu setzen. Dieses Ergebnis konfrontiert den in die Jahre gekommenen Detektiv mit einem für ihn völlig neuem aber menschlichem Gefühl – dem Scheitern.HolmesMr. Holmes ist eine sehr eigenwillige Interpretation der englischen Kultfigur, weil der Film ständig mit Stereotypen vergangener Darstellungen bricht. Auf einer formalen Ebene spielt dabei das Alter des Protagonisten eine besondere Rolle, da die sonst alterslose Figur nun auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Anstatt der sonst typischen Einzelgänger Attitüde wird nun die empathische Seite des 93-jährigen Detektivs verstärkt herausgearbeitet, die im Film durch das Zusammenleben in einem Mehrgenerationenhaus begründet wird. Freundschaft als Ausweg aus der Einsamkeit wird damit zu einem zentralen Thema. Die bekannte Darstellung seiner Person mit Deerstalker-Mütze und Pfeife in den Romanen von Dr. Watson werden von Holmes selbst als ausschmückende Fiktionalisierungen abgetan, über die er auf seiner Suche nach wahren Geschehnissen weniger erfreut ist und die zugleich als reflexive Momente auf vergangene Sherlock Holmes Interpretationen verweisen.
Abgesehen von diesen inhaltlichen Bezügen ist der Film leider weniger innovativ. In ruhigen Bildern entfaltet sich die Narration, die vordergründig Chancen generationsübergreifender Kontaktpunkte herausstellt und durch wiederkehrende Flashbacks Holmes letzten Fall schildert. Anstatt den Wechsel dieser wiederkehrenden Narrationen über die Montage interessiert zu gestalten, wird die Erzählung hauptsächlich von den Leistungen der Schauspieler getragen, die leider nicht kompensieren können, dass die Erzählung eher langatmige als spannungsvolle Momente enthält.

Mr. Holmes, UK/USA 2015, 104′
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Mitch Cullin, Jeffrey Hatcher
Kamera: Tobias A. Schliessler
Darsteller: Ian McKellen, Laura Linney, Milo Parker
Verleih & Bildrechte: Alamode Film/Filmagentinnen
Starttermin: 24. Dezember 2015

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