Moonlight

Konsequente Besetzungspolitik, ein verändertes Narrativ abseits von Sklaverei-Sujets oder eine ungemein ästhetische Visualisierung von schwarzer Hautfarbe; Moonlight von Barry Jenkins besitzt ohne Zweifel einige popularisierende Qualitäten hinsichtlich des Filmschaffens mit und der Repräsentation von people of color. Gleichzeitig versucht der Film in seiner Thematisierung von Homosexualität vermeintlich eine queere Perspektive zu vertreten. Dies möchte ich in Frage stellen.

Jenkins Kamera umkreist mit großer Selbstpräsenz drei Passagen aus dem Leben seines Protagonisten Chiron: Kindheit (I. Little), Jugend (II. Chiron) und das Erwachsenenalter (III. Black). In ihrem Verlauf skizziert er eine problematische soziale und familiäre Konstellation, bestehend aus Chirons drogenabhängiger Mutter und dem Drogendealer Juan, der zu Chirons Ersatzvater und Schwimmlehrer avanciert. Nachdem Chiron sich eines Nachmittags auf der Flucht vor seinen drangsalierenden Mitschülern in einer zugenagelten Mietswohnung versteckt, wird er dort von Juan aufgegriffen. Als heiliger Johannes reißt er die Spanplatten von den Fensterfronten und tritt so mit strahlender Aura im Rücken in das triste, finstere Leben des kleinen Jungen. Die religiöse Konnotation setzt sich fort, alsbald er dem Grundschulkind im Meer eine Schwimmstunde gibt, die eher an eine Taufe erinnert. Johannes, der Täufer: Unter dem stetigen Einsatz von Streichmusik wird Juan so zum (heterosexuellen) Erretter Chirons und gibt ihm ein neues Zuhause. Ein Zuhause mit klaren Sitz- und Tischordnung: Man(n) sitzt nur dort, wo man(n) alle Eingänge im Blick hat. Es könnte ja sein, dass anderenfalls jedermann unbemerkt durch die Hintertür eindringt.

Chiron ist früh mit der Frage nach sexueller Orientierung beschäftigt. In kindlicher Manier fragt er Juan danach was ein faggot ist, ob er selbst ein solcher sei und woher er das wissen könne. Dieses Befragen von Identität erscheint jedoch als rhetorische Floskel, da Chiron zu diesem Zeitpunkt durch den Film bereits geoutet und jeglicher Unschuld beraubt ist. Homosexualität ereignet sich in Moonlight nämlich an Körpern und wird anhand solcher auch lesbar. Wenn eine Horde Jungs Football spielen, sich im Gras wälzen und sich aufeinander schmeißen, dann bleibt die Kamera distanziert und ausschließlich auf die körperlichen Aktionen fokussiert. Chiron setzt sich von dieser Gruppe ab. Sein vermeintlich einziger Freund Kevin folgt ihm und provoziert ihn spaßeshalber, sodass auch diese beiden beginnen zu balgen. Doch gerade in Abgrenzung zum sportlichen Körpergemenge, ist hier die Kamera in Close-Ups unmittelbar an ihren aneinander reibenden Gliedmaßen und fragmentiert, sowie erotisiert ihre Kindskörper. Eine Schnitt unterbricht die Körperverrenkungen und zeigt Chiron in Aufsicht auf dem Boden liegend, schwer atmend – im Endeffekt also postkoital.

Perfide genug überhaupt Grundschulkinder derart zu sexualisieren, etabliert Moonlight damit eine Logik von äußerer Erkennbarkeit innerer Zustände. Wo Homosexualität noch auf dem Prüfstand steht, setzt der Film klar dechiffrierbare Bildikonen ins helle Tageslicht. Dort wiederum, wo Homosexualität dann gelebt werden kann, belässt der Film die Möglichkeiten im schummrig heimlichen Mondlicht.
Als Jugendlicher ist Chrion großgewachsen, dürr und schlaksig und trägt, laut seinem sozialen Umfeld, zu enge Hosen. Es fällt aus dem Raster klassischer Ikonografien schwarzer Männlichkeit und erscheint deswegen unweigerlich als Twink. Ein Coming-Out zu erzählen ist demnach überflüssig, da der Film über die Körpertransformation bereits (vermeintliche) sexuelle Orientierung vorgibt. Auch Kevin ist gealtert und wiederum derjenige, mit dem Chiron auch seinen ersten nicht-symbolischen sexuellen Kontakt erfährt: Einen verstohlenen Handjob bei Mondschein. Außer düsterer Rückenfiguren und erregter Hände, die in den Sandstrand greifen, gibt der Film in diesem Schlüsselmoment kaum etwas zu sehen und verwehrt so (anerkennende) Sichtbarkeit. Im Gegensatz zum vorangegangen heterosexuellen Alptraum Chirons wirkt das ziemlich ernüchternd, sodass selbst dieser sich bei Kevin entschuldigt und sie beide wieder ihres Weges gehen. Dass dieser homosexueller Akt narrativ nicht ohne bestrafende Konsequenzen bleibt, dürfte niemanden überraschend.

Viel erstaunlicher ist Chirons finale Körperverwandlung. Musikalisch mit Gangsta-Rap begleitet, stellt Chiron sein neues Äußeres zur Schau. Grillz, ein markanter Bart und gestählte Muskeln. Wie Juan trägt nun auch Chiron ein do-rag, und wie bei seinem Ziehvater ziert nun auch eine goldene Krone sein Armaturenbrett. Aus dem Twink wurde also eine Figur, die deckungsgleich mit traditionellen Vorstellungen von schwarzer Männlichkeit ist. Doch der intensive, immer wieder kehrende und teils erotisierte Kamerablick auf Chiron und gerade auch auf sein von Neonlicht bestrahltes Muskeltraining, bringen die Signifikanz ins Wanken. Indem die Körperarbeit derart in den Fokus genommen wird, gibt sie sich als eine Verdrängungsarbeit zu erkennen. Dieser Körper ist nicht die wahrhaftige Identität Chirons, scheint der Film zu implizieren. Er ist eine Zeichenformation, die der Film mit Juan über eine straighte, religiös-konnotierte Figur einführt, und die, so die scheinbare filmische Logik, bei einem homosexuellen Mann als Fassade zu erkennen gegeben werden muss. Closeted im Muskelkörper.
Spätestens beim erneuten Wiedersehen zwischen Kevin und Chiron wird dieser Ausdruck evident. Kevin führt nun ein glückliches Leben mit einem Kind und einer geschiedene Frau. Heterosexualität: „Thats the real shit.“ Chiron dagegen begibt sich in eine Beichtsituation und gesteht somit Verletzlichkeit ein, was seine harte äußerliche Schale endgültig als blanken Schutzpanzer entschlüsselt.

Dadurch verfolgt Moonlight zwei Sichtbarkeitspolitiken: Einerseits geht es darum schwule Männlichkeit zu erkennen. Es geht darum eine Identität an äußeren Markern zu fixieren, sie im Bild zu markieren und ihr dadurch Sichtbarkeit zuzugestehen. Was sichtbar ist, ist zugleich aber auch verfügbar, regierbar und sanktionierbar. Andererseits findet ausgelebtes schwules Begehren kaum Platz im visuellen Feld, sondern wird im Schatten belassen. Anstatt also gelebte queere Erfahrung und Praxis zu beleuchten, versteift sich Barry Jenkins manisch darauf, Identitäten unumstößlich festzusetzen und seinen Blicken zu unterziehen.

Moonlight, USA 2016, 111′
Regie: Barry Jenkins
Drehbuch: Barry Jenkins, Tarell Alvin McCraney
Kamera: James Laxton
Darsteller: Ashton Sanders, Trevante Rhodes, Mahershala Ali
Verleih & Bild-Rechte: DCM
Starttermin: 09.03.2017

One Response to “Moonlight”

  1. Florian Krautkrämer

    Man sieht keinen Film erwartungsfrei, klar. Problematisch allerdings, wenn man den Film in ein Erwartungskorsett zwängen oder gezwängt sehen möchte, dass diesem möglicherweise auch durch eigenes Verschulden von PR etc. angepasst wurde, dass dem Film selbst aber nicht gerecht wird. Die Homosexualität ist in diesem Film eine der verschiedenen Randsujets, die – Hauptsujet – zur Identitätsbildung des Protagonisten führt. Dass die in der Kinderepisode bereist angelegt ist, stimmt insofern, als dass der Junge sensibilisiert auf bestimmte Sprachregelungen reagiert, aber bestimmt nicht in der Sexualisierung der Jungen durch den Film oder die Kamera. (Eher durch den Blick des Rezensenten.) Dem Film ein verklemmtes Verhältnis zur Sexualität des Protagonisten bzw. zur unterlassenen Darstellung derselben vorzuwerfen, wäre, als ob man den Schwarzen im Film gelebte Segregation vorwerfen würde.
    Die dritte Episode zeigt ja fast schon ins Absurde übersteigert, dass Anpassung nicht funktioniert: der Protagonist ist unverwundbar, aber innerlich weiter gehemmt; Kevins Ausflug in die Heterosexualität hat auch in Trennung und Einsamkeit geendet. Auch wenn der Film insgesamt die ein oder andere Botschaft vor sich her trägt, so bleibt er insgesamt doch recht leise und unaufgeregt, ziellos schon fast – und ermöglich so auch, die drei Episoden relativ eigenständig zu betrachten, ohne sie allzusehr in ein chronologisches Korsett zwängen zu müssen.

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