Momente des Verweilens

like-someone-in-love_frIn Anbetracht der Filme eines Abbas Kiarostami vorrangig über das Autofahren oder Umgebungsreflexionen auf Autoscheiben zu schreiben lässt sich nur schwer vermeiden, da diese Inszenierungsmotive in ihrer Transparenz einem sprichwörtlich ins Auge springen. Fast schon konterkarikativ zur Neonlicht-Metropole Tokio in Like Someone in Love malen sich im Vorgängerfilm Copie Conforme toskanische Bauten auf die Scheibe und gleiten Fahrer und Beifahrer die Körper entlang, wobei die Spiegelungen sie fast verdecken. Der Regisseur setzt damit in beiden Fällen eine Basis des Verweilens: Personen im Auto verharren dort lange in ihren Gesprächen oder Tätigkeiten, die Mise en Scène verortet sich anhaltend auf wenig Kubikmetern bewegtem Raum; und manches Mal, da bleibt die Kamera an Gesichtern haften, nur um sich im nächsten Moment wieder der Straße zuzuwenden, die sich das Auto entlang bewegt.

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Momente werden auf diese Weise gestreckt und konzentriert, funktionieren aus diesem Grund hervorragend für sich allein. Denn Kiarostami versucht sich nicht an einer Symbiose aus Plotpoints, sondern an einem Aufenthalt in den Erzählsträngen. Und wie man sieht, kommt man nicht umhin, abermals vom Autofahren zu sprechen: Die motorisierte Fortbewegung ist bei ihm so etwas Besonderes, weil sie nicht als ein diegetisches Fragment dient, mit dem er außerhalb des Autos erfolgende Handlungsabschnitte miteinander verknüpft, sondern sie funktioniert als eine eigenständige Episode, als ein „im Auto“, mit dem Ziel „erst einmal egal“. Anders als im klassischen Roadmovie steht das Fahren jedoch nicht wirklich im Mittelpunkt. Vielmehr fungiert es als ein gleichwertiges Glied einer Ereigniskette. Und mit welchem Gefährt und mit wieviel Pferdestärken seine Figuren unterwegs sind, spielt für Kiarostami sowieso keine Rolle.

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Ihn interessiert viel mehr, wie es sich mit den Beziehungen der Menschen verhält und das unabhängig davon, ob diese nun fahren oder nicht. Und einmal mehr geht er den Auswüchsen der Liebe nach, setzt dieses Mal eine junge Studentin und Callgirl namens Akiko ins Zentrum seiner Beobachtung und lässt sie in einer seiner berühmten Autofahrten von Tokio aus mit dem Taxi in einen Vorort fahren. Unentwegt lauscht sie dort der Stimme ihrer Großmutter auf dem Anrufbeantworter ihres Handys, kontemplativ-desillusioniert und vor allem müde auf dem Weg zu einem Kunden, einem alten Professor, Takashi, der noch gar nichts weiß, wer genau sie da beglücken wird.

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Und überall ist es präsent, das Verweilen: Das anfängliche Verweilen in der Bar, in der Akiko von ihrer anstehenden Reise erfährt, das träumerische Verweilen im Taxi, das angestrengte Verweilen in der Stimme der Großmutter, das ambivalente Verweilen in der Wohnung Takashis, das Verweilen im Unwissen um die wahre Identität der jungen Frau, das Verweilen in den Anflügen einer merkwürdigen Hinneigung und dann die immer wieder aufkeimenden Problemstrukturen, in denen besonders der zu Gewaltausbrüchen tendierende Automechaniker-Freund von Akiko eine Rolle spielt, der sich stückweise in das Geschehen mischt; auch in dieser Crux lässt uns Kiarostami verweilen, im Rahmen eines langen, merkwürdig unwirklich anmutenden Gesprächs zwischen den beiden Männern über die Ehe, das einmal mehr im Inneren eines Fahrzeugs stattfindet, auch wenn dieses zur Abwechslung einmal steht.

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Die Stärke des Films liegt hauptsächlich in der konstanten, wenn auch nur marginalen Künstlichkeit der Dialoge sowie dem Zusammenspiel aus formaler Experimentierfreude mit Autoscheibe und Raumstruktur und der im Vergleich dazu bisweilen ökonomisch-streng gearteten Kadrierung von Zwischenmenschlichkeiten. Das Ergebnis dieser Synthese ist ein ebenso dichter wie vereinnahmender Dekonstruktionsfilm. Das gnadenlos abrupte Ende ist die logische Konsequenz dieser darstellerischen Fasson.

Like Someone in Love, FR/JP 2012, 109′
Regie & Drehbuch: Abbas Kiarostami
Kamera: Katsumi Yanagijima
Darsteller: Rin Takanashi, Tadashi Okuno, Ryo Kase
Verleih: Peripher
Kinostart: 27.02.2014

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