Moebius

Spoiler ahead!

Kim Ki-duks Moebius ist eine eiserne Antithese auf sämtliche Familiendramen. Denn eigentlich ist es das artikulierte Wort, das dieses Genre dominiert, in diesem Film ist es jedoch nicht an einer Stelle zu vernehmen. Geschrien und gestöhnt wird dort dafür umso häufiger und das sehr präsent gleich in den anfänglichen Minuten, wenn eine Mutter ihrem Sohn im Schlaf den Penis abschneidet und sogleich verschlingt. Dass diese Kastration eigentlich ihrem betrügerischen Ehemann gelten sollte, spielt bald keine Rolle mehr, da der sich kurz darauf freiwillig im Krankenhaus entmannen lässt. Wegen seiner Schuldgefühle. Oder weil es eben so muss. Der Sohn wird zum Opfer, weil es seinem Vater gelang, sich gegen die tiefschlagende Attacke seiner Frau zur Wehr zu setzen. Dieses Stellvertreter-Motiv zieht sich durch den gesamten Film und zeigt sich besonders im Unklang lustschmerzinduzierter Laute, die die Sprache ersetzen oder in den allesamt namenlosen Personen, deren Identitäten sich durch ihre Stellungen und Handlungslogiken innerhalb der Familie ausformen.

Moebius2So begeben sich Vater und Sohn auf die Suche nach einem Ersatz für das, was da einmal zwischen ihren Beinen hing. Dieser exzessive Wunsch nach der Wiederherstellung des Lustempfindens nimmt recht bald groteske Züge an. Denn es ist Schmerz, der in Ki-duks kaputten kleinen Welt die Lust generiert. Da gleitet auch mal ein Messer wie ein Schwanz in der Möse minutenlang im Wundkanal einer Schulter auf und ab. Wie in einem Porno wird in Nahaufnahmen draufgehalten, wohl um visuelle Evidenz zu simulieren und diesen Leidenfick unvergessen zu machen. Und wenn Vater und Sohn mit einem rauen Stein so lange das Fleisch von ihren Knochen reiben, bis sich ein Orgasmus in den klimaxischen Schmerz hineinmischt, dann sind das nicht etwa entgleiste Körpererfahrungshandlungen, sondern Masturbationstechniken am Fuße der Abwärtsspirale.

Moebius-thumb-630xauto-39062Grenzüberschreitend und pervers mögen die Worte sein, die einem da unmittelbar in den Sinn kommen. Doch wirkt die Welt in Moebius durchgehend unwirklich und konsequent anti-ambivalent, denn in ihr existieren nur abgefuckt und sehr abgefuckt. Der Plot bewegt sich in einer irdisch gewordenen Vorstufe zur Hölle, in der rein gar nichts mehr stimmt. Auch Vergewaltigung und Inzest sind dort eher die Regel statt die Ausnahme. Beachtlich ist dabei die Stringenz, mit der Ki-duk seine Figuren im diegetischen Schraubstock zermartet und der konstant fehlende Fluchtpunkt, den die formalen Strengführungen des Regisseurs im Nirgendwo verschwinden lassen. Ein Film, der Wunden reißt und im Grunde nur von einer Sache handelt: dem Untergang der Menschlichkeit und der alles dominierenden, egozentrischen Trieblust. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Moebius, Südkorea, 88′
Regie: Kim Ki-duk
Darsteller: Lee Eun-Woo, Seo Young-Joo, Cho Jae-Hyun
Verleih: MFA
DVD-Start: 11.02.2014

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