Mein Schatten über mir

Lea lebt und arbeitet seit nicht allzu langer Zeit auf dem Gasthof ihrer Mutter, nachdem sie bei ihrem Vater ausziehen musste, da dieser ins Ausland ging. Nun, ihre Mutter scheinbar nicht mehr aushaltend und von der Ausreißer-Geschichte eines Jungen namens Oliver angespornt, flieht sie in eine Kleinstadt, in der sie auf die etwa gleichaltrige Anna trifft und einen Tag und eine Nacht (mit einem schlechten Drogentrip) verbringt, bevor sie sich von ihrer Mutter abholen lässt. Am Ende legen Lea und ihre Mutter einander ihre Gefühle und Ängste offen.

Zumindest soll es so aussehen, als täten sie dies. Es ist schwer, in Victor Gütays Debütfilm eine genaue und pointierte Aussage zu finden, da dieser an mehreren, teils sehr großen Problemen krankt.

Zuallererst ist das Schauspiel aller Darsteller:innen unglaubwürdig. Dieser Umstand macht es umso schwerer, die (fehlenden) Nuancierungen im Drehbuch zu erkennen, wobei an dieser Stelle nicht davon ausgegangen werden kann, dass es welche gibt. Subtilität ist ein Wort, welches dem Film durchaus gut getan hätte. Stattdessen werden die zu verhandelnden Themen offen ausgesprochen, in Dialogen, die bestenfalls als Phrasenaustausch bezeichnet werden können. Folglich weiß man nie, ob Lea wirklich irgendeine emotionale Bindung zu ihrer Mutter besitzt, oder ob sie nur noch bei ihr lebt, weil es die Gesellschaft ja so verlange. Dies ist insofern problematisch, als dass des Filmes zentraler Konflikt dadurch nicht klar artikuliert wird. Den gesamten Film lang wird einem vermittelt, dass Lea eigentlich nur von zuhause weg wolle, aber auch nicht. Dass sie ihre Mutter verachte, aber auch nicht. Dass sie wie ihre Mutter sei, aber auch nicht –  etc. Um eine normale und simple Geschichte über die Adoleszenz handelt es sich auf jeden Fall nicht.

Das Sounddesign hilft dabei auch nicht wirklich, das zu Vermittelnde irgendwie in der Realität zu erden. Statt die teilweise gut zu den zu vermittelnden Emotionen passenden Umgebungen zu nutzen, lebt der Film einen Exzess der Hintergrundmusik. Statt die Ruhe eines Zimmers Leas Einsamkeit transportieren zu lassen, wird konstant auf teils viel zu laute und vor Allem häufig unpassende Musik zurückgegriffen, die meist den gesamten Fokus der Szene einnehmen.

Auch die Kamera ist in einer unklaren Position gefangen, in der nie wirklich klar ist, was und wie sie sein möchte. In einigen ruhigen Szenen agiert sie als objektive Beobachterin, in anderen ist sie ein Lea ausspähendes Subjekt. Eine ersichtliche Kontinuität ist dabei nicht gegeben. Dabei ist die Idee, Lea mit einer subjektiven Kamera in ihren einsamen und sich-eingeengt-fühlenden Momenten zu Filmen, durchaus eine gute.

All diese Probleme sorgen dafür, dass Mein Schatten über mir vieles ist, nur kein gutes Kino, was in Anbetracht der Grundprämisse durchaus Schade ist.

Deutschland 2019, 89 min, Farbe
Sprache: Deutsch
Regie & Drehbuch: Victor Gütay
Kamera: Victor Gütay
Schnitt: Victor Gütay
Musik & Ton: Kevin Latzke, Victor Gütay
Mit: Kristin Braun, Cinzia Rizzo, Justus Rämisch, Dorothea Schrader

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>