Mediterranea

Umgeben von Armut und Perspektivlosigkeit ist es die Hoffnung auf ein besseres Leben, die Ayiva (Koudous Seihon) antreibt, seine Familie in Burkina Faso zu verlassen und nach Italien zu emigrieren. Er träumt von einer besseren Zukunft für seine Tochter, die ihm nur in Europa realisierbar erscheint. Häufig sitzen er und sein Freund Abas (Alassane Sy) im Internetcafé und klicken sich durch die Profile ihrer ausgewanderten Freunde auf Facebook. Sie sehen freudestrahlende Gesichter auf ausgelassenen Gruppenfotos, die Optimismus und Leichtigkeit ausstrahlen und für sie damit den uneingeschränkten Glanz Europas verkörpern.
In Mediterranea erörtert Regisseur und Drehbuchautor Jonas Carpignano anhand expliziter Beispiele sehr persönliche Gründe, warum Menschen sich gezwungen sehen können, ihr Heimatland und ihr vertrautes Umfeld zu verlassen, um ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen. Der Film beginnt und Ayiva und sein Freund Abas machen sich über einen illegalen Schleuserring auf die lange und gefährliche Reise nach Italien, wo sie jedoch mit einer anderen Realität konfrontiert werden. Sie schuften als Erntehelfer auf einer Orangen-Plantage und schlafen in einem Slum außerhalb der Stadt, wo sie nichts von dem erhofften Glanz Europas spüren. Ihr anfänglicher Traum entpuppt sich als Albtraum, da sie in ständiger Furcht vor Abschiebung, Arbeitslosigkeit und omnipräsenten Rassismus leben. Anstatt die erhoffte Freiheit zu finden, geraten sie in die ständige Abhängigkeit von anderen, mit der beide unterschiedlich umgehen.
Mediterranea
Der Film gibt sich nicht damit zufrieden, in Form einer bloßen Außenansicht die Gefahren während der Reise von Ayiva und Abas und ihre Konfrontation mit Rassismus in Italien zu beschreiben, sondern nimmt sich viel Zeit, die Gefühle der Protagonisten mit den gegebenen Umständen zu dokumentieren. Der Zuschauer erhält somit vielmehr eine Innenansicht der Charaktere, die die Beweggründe ihres Verhaltens nachvollziehbar und authentisch macht. Dieser Eindruck wird durch die markante Handkameraführung verstärkt, die stets wackelige Nahaufnahmen von Mimik und Gestik der Protagonisten liefert und es dadurch gleichermaßen schafft, beklemmende Situationen einzufangen und Momente voller Hoffnung zu dokumentieren.

Aufgewachsen als Sohn eines italienischen Vaters und einer afroamerikanischen Mutter in New York ist das Leben in der Fremde für Regisseur Carpignano ein Thema, welches er ebenfalls in seinen Kurzfilmen A Chjàna (2012) und A Ciambra (2014) verarbeitet. Seine Filme sind als Kollektiv zu verstehen, da die realen Ereignisse, auf denen die früheren Arbeiten basieren, in seinem Spielfilmdebut Mediterranea zusammengeführt und verdichtet werden. Über die inhaltliche Dokumentation dieser verwobenen Geschichten geht der Film jedoch weit hinaus und beschreibt auf einer übergeordneten Ebene vielmehr den Schein Europas, den der Kontinent gegenüber ausländischen Staaten vermittelt, im Gegensatz zum Ist-Zustand, der sich in der Darstellung gravierender Problematiken manifestiert. Die traumhafte Vorstellung der Protagonisten in Europa und speziell in Italien ein unbeschwertes Leben führen zu können, wird von der Konfrontation mit Ausländerfeindlichkeit abgelöst, wodurch Egoismus und ein rückständischer Umgang mit Immigranten einem sonst so stark wirkenden Europa vor Augen geführt wird. Durch das Aufzeigen unterschiedlicher Verhaltensweise der beiden Protagonisten mit den gesellschaftlichen Missständen gelingt es dem Film, gleichermaßen das Scheitern, sowie die Integration in einem fremden Land zu portraitieren, was vor allem für die letzten Einstellungen bezeichnend ist. Während Abas nach einem Straßenkampf einsam im Krankenhaus liegt und seine weitere Zukunft ungewiss bleibt, nimmt Ayiva das Angebot war, auf der Geburtstagsfeier der Tochter des Plantagenbetreibers zu helfen. Diese von Vertrauen geprägte Aufnahme in den Kreis der italienischen Familie durchbricht das kalte und unpersönliche Verhältnis von Arbeitgeber und (illegalem) Arbeitnehmer, wodurch die Integration von Ayiva in diese fremde Gesellschaft verdeutlicht wird. Der Film zeichnet sich somit dadurch aus, dass er auf eine eindimensionale Darstellung von Immigration verzichtet und vielmehr Chancen für alle Beteiligten erläutert, die in dieser Erzählung in demselben Maße genutzt werden, wie auch ungenutzt bleiben.

Mediterranea, Italien/Frankreich/USA/Deutschland/Katar 2015, 107′
Regie/Buch: Jonas Carpignano
Kamera: Wyatt Garfield
Darsteller: Koudous Seihon, Alassane Sy, Pio Amato
Verleih & Bildrechte: DCM Film Distribution GmbH
Starttermin: 15. Oktober 2015

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