Medeas

Nach dem viel beachteten und mehrfach ausgezeichneten Kurzfilm Wunderkammer (2008), liefert Andrea Pallaoro in seinem Spielfilmdebüt Medeas ein intimes, stilles Portrait einer ländlichen Großfamilie, die in Amerika lebt. Mit der Oscar-nominierten Catalina Sandino Moreno und dem Emmy-nominierten Brían O’Byrne ist der Film überraschend hochkarätig besetzt, überzeugt aber nicht nur durch die schauspielerischen Qualitäten, sondern auch durch eine unglaublich präzise formale Konzeption.

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Der Blick in das Leben der Familie, bestehend aus Vater, Mutter und fünf Kindern, beginnt zunächst harmlos und unbeschwert. Je intimer diese Beobachtung wird, desto deutlicher wird aber, dass der anfänglichen Verspieltheit eine gewisse Strenge gegenübersteht, die sich besonders durch den Vater äußert. Am Tisch wird gebetet, das Mädchen darf sich nicht schminken und Widerworte gibt es nicht. Dennoch wird er nicht als Tyrann dargestellt und die Liebe zu Frau und Kindern wird immer wieder betont. Aber der Fokus liegt nicht auf dem Vater, auch den restlichen Figuren wird viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht, sodass es keine Beschränkung auf nur eine Sichtweise geben kann. Alle haben eigene Probleme, Ängste und Wünsche, jeder handelt für sich, auch wenn sie als Familie immer wieder zusammenkommen. Dabei fehlt es an eindeutiger Beurteilung oder Wertung im Sinne von gut und böse, stattdessen geht es darum, verschiedene menschliche Züge, Entscheidungen und deren Konsequenzen zu zeigen. So zum Beispiel auch, wenn die Mutter eine Affäre mit einem anderen Mann hat, ihr Sohn dies erfährt und sich die Situation in der Familie nach und nach anspannt. Es herrscht eine gewisse unbehagliche Stimmung, eine unterschwellige Spannung und das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren wird. Man wartet allerdings bis kurz vor Schluss vergebens auf eine Konfrontation oder einen Ausbruch. Das extreme Ende ist dafür umso schockierender und lässt den Zuschauer mit den Konsequenzen zurück, der dazu gezwungen wird, sich selbst ein Bild des Verhaltens aller Charaktere zu machen.

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Medeas ist leise, fast stumm, so wie die Figur der Mutter. Es wird wenig gesprochen, was aber nicht bedeutet, dass es keine Verständigung in der Familie gibt. Vieles wird durch eine kleine Geste oder einen Blick gesagt und oft können solche Momente stärker sein als Worte. Das Unausgesprochene auf der Tonebene findet sich im nicht Gezeigten auf der Bildebene wieder. Kameraarbeit und Schnitt sind unglaublich präzise, sodass sie genau das einfangen, was gesehen werden soll, aber genauso die Dinge verstecken, die nicht direkt sichtbar sein sollen. Häufig wird durch Fenster, Spiegel oder Gänge gefilmt, wodurch ein Teil des Geschehens außerhalb des Bildausschnittes liegt und im Verborgenen bleibt. Die Kamera fängt außerdem immer wieder das Wesen der Natur ein, die in ihrer Schönheit und Unberechenbarkeit als Reflexion der verschiedenen Figuren dient. Durch diese formale Stärke, gepaart mit einer intimen Charakterstudie, die vieles an- aber wenig ausspricht, wird Medeas zu einem intensiven und unheimlich interessanten Debütfilm.

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Filmfestspiele Venedig (Sektion: Orizzonti)
Medeas, USA/Italien/Mexiko 2013, 98‘
Regie: Andrea Pallaoro
Drehbuch: Andrea Pallaoro, Orlando Tirado
Produktion: Jonathan Venguer, Gina Resnick, Kyle Heller
Kamera: Chayse Irvin
Schnitt: Isaac Hagy, Arndt Peemoeller
Besetzung: Catalina Sandino Moreno, Brían F. O’Byrne, Mary Mouser, Maxim Knight

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