Manifesto

„Good evening ladies and gentlemen. All current art is fake.“, begrüßt uns Schauspielerin Cate Blanchett in der Rolle einer Nachrichtensprecherin in einem der Kurzfilme aus Julian Roselfeldts Manifesto. Wenig später wird eine Wettersprecherin, auch durch Blanchett verkörpert, in die Sendung geschaltet. Sie berichtet unterm Regenschirm, bei stürmischen Verhältnissen und strömendem Regen. Nach Ende der Sendung bewegt sich die Kamera vom Geschehen weg, es wird sichtbar, wie Wind- und Regenmaschine ausgeschaltet werden. Alles nur fake.

Manifesto ist eine Filminstallation des Künstlers Julian Rosefeldt aus dem Jahr 2015. (Meine Betrachtungen beziehen sich auf die Ausstellung in Hannover.) Sie besteht aus zwölf Kurzfilmen von jeweils 10 Minuten und einem 4-minütigen Prologfilm. Alle Filme werden als Projektionen in einem dunklen Raum vorgeführt. Vor jeder der Projektionen steht eine Bank mit gerichteten Lautsprechern, hier lässt sich der Filmton optimal wahrnehmen. Nie lässt es sich aber ganz vermeiden, sich, beim Betrachten eines Films den anderen Filmbildern und vor allem dem Ton anderer Filme zu entziehen. Die Zuschauer bewegen sich frei im Raum und wählen selbst aus, an welchem Film sie sich wie lange aufhalten. Eine Anleitung, in welcher Reihenfolge die in geschickt montierter Endlosschleife laufenden Kurzfilme geschaut werden sollen, ist nur sehr grob vorgegeben. In jedem der Filme verkörpert die australische Schauspielerin Cate Blanchett die Hauptfigur. Sie tritt in den verschiedensten Umfeldern auf und erhält mithilfe von perfekter maskenbildnerischer Arbeit in jedem Film ein einzigartiges idealtypisch wirkendes Äußeres. So verkörpert die Schauspielerin ein Spektrum von Figuren aus verschiedensten sozialen Schichten. Sie ist Lehrerin einer Grundschulklasse, Brokerin, Puppenspielerin, dann konservative Hausfrau, Punkmusikerin oder Obdachloser.

Cate Blanchett in Manifesto

Zentral in Rosefeldts Arbeit sind Textmontagen aus Manifesten verschiedener Autoren, von Mitte des 19. bis ins beginnende 21. Jahrhundert. Felder wie Konstruktivismus, Abstrakter Expressionismus, Dadaismus und Fluxus werden thematisiert, Kunstformen wie Film, Performance und Architektur angesprochen. Dabei setzt sich jeder der Kurzfilme mit einer dieser Ideen auseinander. Sie werden von den Protagonisten auf unterschiedliche Arten und aus verschiedenen Perspektiven vorgetragen. In Interviews sprach Julian Rosefeldt davon, wie beeindruckt er bei der Recherche zu seinem Projekt davon war, welche poetische Wirkung in Manifesten zu finden sei.

Manifeste sind Grundsatzerklärungen. Sie wollen Veränderung, Zustimmung und Massenwirkung. Manifeste sind plakativ, Manifeste provozieren: Diese Absicht spiegelt sich in der Vortragsweise der Schauspielerin wider. Mal schreit sie den Zuschauenden entgegen, mal klagt sie sie an, mal stellt sie offene Fragen. Manifeste verdichten die Programmatik einer sich als Avantgarde verstehenden Künstlergruppe, sie sind elitär. Und genau hier nimmt Rosefeldt eine Umpositionierung der Versuchsanordnung vor: In Rosefeldts Installation wird der Besucher zum Adressaten, durch die Überlagerung der verschiedenen Haltungen – jede mit Absolutheitsanspruch – und verstärkt durch die vermeintlich authentische Vorstellung durch die immer gleiche Schauspielerin entsteht eine irritierende Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Positionen.

In Manifesto finden sich viele kinematographische Aspekte. Die Filme werden in einem dunklen Raum gezeigt. Schnitt und Bildauswahl der Filme wirken vertraut und erinnern an konventionell gemachte Spielfilme. Die Kurzfilme beeindrucken immer wieder mit Kranfahrten, Drohnenaufnahmen und sehr langsamen Kamerafahrten. Allerdings wird mit diesen kinematographischen Aspekten gespielt; die Filme finden nicht isoliert statt, sie werden beeinflusst oder sogar gestört von allem, was parallel geschieht. In einem der Filme ist die Hauptdarstellerin zum Beispiel Trauerrednerin auf einer Beerdigung, die Situation wird von einer Blaskapelle begleitet, welche einen Trauermarsch spielt. Diese Musik ist überall im Raum hörbar und so gleichzeitig ein Hintergrundgeräusch. Die Vermischung kinematographischer Konventionen und das Brechen mit diesen macht die Installation nicht nur für Filminteressierte sehr sehenswert, sie bringt auch einen weiteren inhaltlichen Aspekt mit sich:

Die Tatsache, dass alle Filme im gleichen Raum gezeigt werden und der Betrachtende eines Filmes stets Ton, teilweise auch Bild, anderer Filme wahrnimmt weist auch auf die Verknüpfung der Ideen hin. Ein Konzept resultiert aus einem anderen, richtet sich gegen zuvor Festgestelltes oder hat andere Einschätzungen zur Folge. Am deutlichsten wird dieser Zusammenhang der einzelnen Filme und Themen miteinander an einer Stelle, an der die Protagonisten aller Filme ihren Blick direkt in die Kamera richten und Teile ihres Manifests mantraartig im gleichen Rhythmus, aber individueller Tonlage sprechen. So entsteht für einige Momente ein Zusammenklingen aller Texte. Genau so schnell wie die unwirkliche Situation entsteht, so schnell ist sie wieder vorbei. Die verschiedenen Filme, Manifeste, Texte und handelnden Figuren greifen so ineinander und erzielen einen Effekt, der in deren Isolation nicht möglich wäre.

In meinen Augen hat Julian Rosefeldt mit Manifesto ein beeindruckendes, vielschichtiges Werk geschaffen, das den Zuschauenden auf so vielen Ebenen adressiert, dass ein Besuch zunächst fast überfordernd wirken kann. Trotzdem wirkt ein Besuch wirkt aber sehr anregend, gerade weil so viele verschiedene Sinne angesprochen werden.

Manifesto von Julian Rosefeldt ist noch bis zum 7.Mai im Sprengel Museum in Hannover zu sehen und bis zum 14.Mai in der Staatsgalerie Stuttgart. Einen Besuch kann ich allen Interessierten ans Herz legen.

 

Manifesto, Deutschland, Australien, 2015
Regie: Julian Rosefeldt
Drehbuch: Julian Rosefeldt
Kamera: Christoph Krauss
Darsteller: Cate Blanchett
Bildnachweis

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