Maleficent – Die dunkle Fee

Von Carina Radke

Das kleine Mädchen in mir war mehr als erfreut über die Ankündigung des reichlich späten Sequels zu Dornröschen, 1959 (!) ebenfalls im Hause Disney noch als Zeichentrickfilm entstanden – und wurde im Kino nicht enttäuscht: Ein märchenhaftes Königreich gegen eine zauberhafte Feenwelt, soweit die anmutige Kulisse für das altbekannte Mär.

Aber Disney will mehr: Eine neue Perspektive soll es sein – die böse Fee Malefiz wird zur gezielt zerrissen dargestellten Maleficent, deren Gefühlsschwankungen zwischen Rachsucht und Herzensgüte durchaus eingängig sind. Der bekannte Fluch, die Prinzessin möge sich am Tage ihres 16. Geburtstags an einer Spindel stechen und in einen unendlichen Schlaf fallen, aus dem sie nur durch einen „Kuss wahrer Liebe“ erweckt werden kann, ist nicht mehr das Werk einer gemeinen Hexe, sondern die verständliche Reaktion einer von Rache getriebenen Frau, der (nicht nur) das Herz gestohlen wurde. Die Erklärung, basierend auf ihrer Vorgeschichte mit dem Vater der Prinzessin, wirkt in der heutigen Zeit plausibel und macht Maleficent als gebrochene Frau (und Fee) – wie sollte es dem Titel folgend anders sein – zum Identifikationspunkt des Films. Kein Wunder also, dass sie an ihrem Fluch beinahe selbst verzweifelt, folglich doch ihre gute Seite entdeckt und letztendlich selbst zum Initiator des wohlbekannten Disney-Happy Ends wird.

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Die Ähnlichkeit ist verblüffend: Zeichentrick-Malefiz und Angelina Jolie als Maleficent

Mein erwachsenes Ich musste jedoch leider die Schwächen erkennen, unter denen Robert Strombergs Erstlingswerk zu leiden hat: eine von Klischees durchsetzte One-Women-Show, die zu wenig auf die selbst entworfene political correctness der Märchenwelt gibt. Gezwungen komische Charaktere sind ebenso überflüssig wie der Prinz auf dem weißen Pferd. Am wenigstens nachvollziehbar bleibt jedoch der Eindruck einer sich paradox entwickelnden Gesellschaftsform innerhalb der Feenwelt, den sogenannten „Mooren“. Beginnt der Film in der Einführung noch mit einer klaren Gegenüberstellung des einerseits allein vom König regierten Reichs, in dem Krieg und Unzufriedenheit herrscht (= schlecht), und der wunderbaren Feenwelt andererseits, in der kein Herrscher nötig ist, da das ganze Funktionieren der „Moore“ allein auf Vertrauen beruht (= gut), so wird im filmischen Verlauf paradoxerweise Maleficent selbst zu einer Art Beschützerin, Anführerin, gar Königin der Feenwelt. Obwohl sie weiter gegen diese Staatsform redet, werden die „Moore“ filmisch selbst immer mehr als eine Art Monarchie inszeniert – so erhält Maleficent gar einen Thron und hält eine Ansprache vor ihrem “Volk”. Könnte man es an diesem Punkt vielleicht noch ihrer Rachsucht zuschreiben, so ist es am Ende des Films manifest: Mit der Krönung Prinzessin Auroras zum Oberhaupt beider Welten stößt Stromberg mit dem Hintern um, was er vorne rum aufgebaut hat: das Ideal der Welt ohne Herrscher, die allein auf Vertrauen beruht. Diese Unlogik hat mir persönlich einen Teil des Vergnügens an dem Film genommen.

Klare Stars des Films sind – neben Angelina Jolie natürlich, der die Rolle der Maleficent auf den Leib geschrieben scheint – die Ästhetik und die Maske. Lange Panoramafahrten zeigen die ausdifferenziert gestaltete Feenwelt und machen Lust auf Natur. Gut ergänzt wird der Schauspielkader durch detailliert animierte Fantasywesen, von groß bis klein, die in nahezu jeder Szene innerhalb der „Moore“ zu sehen sind. Angelina Jolie als Maleficent sieht ihrer gezeichneten Vorgängerin Malefiz mit den geformten Wangenknochen zum Verwechseln ähnlich und auch die animierten Verwandlungen von Maleficents Gefährten Diaval (gespielt von dem erstaunlich blass bleibenden Sam Riley) zu verschiedenen Tieren sind positiv hervorzuheben. Aber, lieber Herr Stromberg, der Catsuit á la Catwoman, der am Ende die sonst so groß wallenden Roben von Maleficent ersetzt, hätte wirklich nicht sein müssen.

Alles in allem ein Märchenfilm für Familien mit nicht mehr ganz so kleinen Kindern, ist er doch teilweise etwas düster geraten. Als Disneyfan hat man sicher Spaß an der Story, zuviel erwarten sollte man jedoch nicht. Die 3D-Animation ist meiner Meinung nach eine spielerische Ergänzung, die für diesen Filmstoff nicht nötig gewesen wäre. Wie gesagt, mein inneres kleines Mädchen hat sich gefreut.

Maleficent – Die dunkle Fee, USA 2014, 97′
Regie: Robert Stromberg
Drehbuch: Linda Woolverton, John Lee Hancock
Kamera: Dean Semler
Darsteller: Angelina Jolie, Sam Riley, Elle Fanning, Sharlto Copley
Verleih: Walt Disney Germany

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