Makhdoumin / A Maid For Each

(Libanon/Frankreich u.a. 2016, Regie: Maher Abi Samra) (Forum)

von Sara Gröning

Menschen richten sich für ein Familienfoto im Eigenheim her. Sie posieren auf dem Sofa. Sie tragen ihre beste Kleidung. Sie überschlagen die Beine, strecken den Rücken und lächeln zwanzig Sekunden lang unverändert breit. Anstelle des Fotos zeigt der Film ihre Bemühungen, eine Position zu finden und zu halten. Am Ende sind die Bedingungen für ein perfektes Familienbild gegeben, nur dass dort noch ein oder zwei Personen dabeistehen, deren Position seltsam unklar scheint. Sie stehen rechts oder links im Hintergrund, sie lächeln nicht und wirken bei aller Exponiertheit unscheinbar.

Makhdoumin thematisiert das Leben junger Mädchen, die als Haushaltshilfen für reiche libanesische Familien arbeiten, zeigt die Mädchen selbst aber nicht. In den kurzen Eröffnungssequenzen bleiben sie namenlose und flüchtige Hintergrundfüller und im folgenden Film wird über sie gesprochen, während sie physisch unsichtbar bleiben. Nur manchmal ist kurz ein Schatten an der Wand zu sehen.

Es sind Mädchen, die aus verschiedenen Ländern angeworben und gekauft werden, um dann rund um die Uhr für ihre Hausherren zu arbeiten. Sie schlafen in Kojen neben der Waschmaschine, sind jeden Tag zu jeder Zeit verfügbar – der Inbegriff moderner Sklaverei. Gehalt bekommen sie nicht, stattdessen werden sie über eine Agentur zu einem Festpreis erworben. Diese Mädchen sind essentiell für das Funktionieren eines Haushaltes, Teil der Familie werden sie dadurch nicht, obwohl viele von ihnen jahrelang in einem Haus leben.

„Ich schäme mich zuzugeben, dass ich das Hausmädchen meiner Freundin nie richtig bemerkt habe, bevor sie Suizid begangen hat“, sagt einer der Befragten. Es sind nur wenige Menschen, die sich für Maher Abi Samras Film bereit erklärt haben, offen über ihre persönlichen Erfahrungen mit Hausmädchen zu sprechen. Sie zeigen sich beschämt und sprechen die offensichtlich menschenverachtenden Bedingungen aus, unter denen das System funktioniert. Wie weit jedoch die Wahrnehmung von Missständen und die Intervention gegen sie auseinander liegen, zeigt der Film mit einer schmerzhaften Nüchternheit. Die Schwelle für Schuldgefühle ist hoch, wenn man selber von der Ausbeutung anderer profitiert.

Ein Großteil der Aufnahmen stammt aus dem Büro der Vermittlungsagentur „El-Raed“, wo zwei Verkaufsagenten mit schamloser Selbstgefälligkeit ihrer Tätigkeit nachgehen. Kunden suchen sich ihre Hausmädchen aus einem Katalog aus, diskutieren über deren äußere Erscheinung und wählen schlussendlich das Mädchen aus, das am gehorsamsten und demütigsten aussieht und dabei aber noch ein ansprechendes Gesicht aufweisen kann. Die gleichzeitige Enthumanisierung und Sexualisierung der Mädchen geschieht so beiläufig wie essen oder schlafen. Bei den Agenten und den gezeigten Käufern wartet man vergebens auf einen Moment der Reflexion und des Hinterfragens der eigenen Handlungen. Da gilt es schon als großherzig, ein Mädchen nicht zu schlagen, wenn man unzufrieden mit ihm ist. In den Büroräumen sitzen die Verantwortlichen in ihrer eigenen Welt, in der sie selbst das höchste Maß an Moralität verkörpern, lachen derbe und rauchen Kette.

In der letzten Einstellung ist die Kamera draußen auf der Straße positioniert und wirft einen Außenblick auf das Büro; seine Fenster quetschen sich zwischen diverse andere Läden und Schilder, und es scheint viel zu klein, als dass man darin über das Leben so vieler Menschen entscheiden dürfte.

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