Mahi Va Gorbeh

Vorsicht Spoiler!

134 Minuten Film ohne einen einzigen Schnitt. Damit schlägt Mahi Va Gorbeh des iranischen Regisseurs Shahram Mokri die russische Produktion Russian Ark von Alexander Sokurov um ganze 34 Minuten. Schwebt die Steadycam in letzterem durch die prunkvollen Eingeweide des Winterpalais in St. Petersburg, wobei im Flug von Saal zu Saal die Zeit gerafft sowie übersprungen wird und man so 300 Jahre russische Geschichte in einem Take durchlebt, will Mahi Va Gorbeh so gar nicht schillern und verfrachtet einen dorthin, wo man bestimmt nicht sein möchte: Ein Waldgebiet, an dessen Rand zwei Verrückte eine „Gaststätte“ führen in der Menschfleisch auf der Speisekarte steht. Eine wahre Geschichte, wie es heißt.

FISH1Die ersten Minuten erinnern noch an einen dieser zahleichen Teenslasher-Flicks: Eine überschaubare Gruppe Studenten kommt vom Weg ab und erkundigt sich bei den zwei dubiosen Lukullussen mit halb verrotteter Hütte, die sie Restaurant nennen, nach selbigem. Sogleich merkt einer der jungen Erwachsenen an, wie sehr es hier stinken würde. Glaubt man den Bildern, muss es das auch. Das Geräusch summender Fliegen rundet den allgegenwärtigen Siff ab. Was da so alles verrottet, will man gar nicht so genau wissen. Im Grunde ist es aber auch kein Film über das Was, sondern das Wie.

fish-and-cat-Fish_Denn die Art und Weise wie Mokri erzählt, entwickelt schon sehr bald eine gewaltige Absorptionskraft, ausgelöst durch die Konfrontation mit der Echtzeit in einem Film, der nicht nach den Regeln des Schnitts oder der Montage funktioniert. Ohne Ellipsen dauert der Gang von Plotpoint zu Plotpoint einige Minuten, die ausgesessen werden wollen. Den Personen klebt man dabei dicht an den Fersen, wenn sie, wie etwa die zwei Freaks auf der Suche nach noch lebendigem Fleisch, durch ein Meer aus Bäumen schlurfen. Häufig sind diese Märsche unterlegt mit behutsamen, aber doch unruhigen Streicher-Klängen.

Interessanterweise bekommt man letztendlich genau das nicht, was man erwartet. Von visueller Gewalt bleibt man verschont und abgesehen von ein paar Momenten der Spannung folgt der Film keiner linearen Struktur eines sich steigernden Terrors, die man von gattungsähnlichen Streifen gewohnt ist. So etwas wie einen Höhepunkt darf man ebenso wenig erwarten. Mahi Va Gorbeh ist alles, eben nur kein Genrefilm. Die meiste Zeit lauscht man Gesprächen über Alltägliches, besonders am Zeltplatz in der Nähe eines Sees, in dessen Gewässer die Studenten dem Kitesport nachgehen. Vor allem Beziehungskonflikte aller Art werden hier verbal durch die Mangel genommen – mit teilweise kuriosen Zügen. So vergehen Minuten des Hin und Her, wer nun wen mit wem auf Facebook erspähte und darüber alles andere als erfreut ist. Wer wie denkt und fühlt, kommt durch häufig eingesetzte Voice-over ans Ohr. Und noch einiges mehr muss geschehen sein während der Postproduktion des Films, denn an einigen Stellen schwirren Sounds durch den Raum, die man so in freier Natur noch nicht gehört hat, etwa ein sukzessiv anschwellendes Geknister, das einen fürchterliches erahnen lässt. Aber wie die meiste Zeit passiert darauf folgend nur eines: nichts.

FISH2Nach und nach zerfällt der Film in die Summe seiner einzelnen Gespräche, die oft so sehr uninteressant ausgefallen sind, dass es die eine oder andere Mühe bereitet, diesen mehr als zwei Stunden lang zu folgen. Zwischendrin diese Sounds und vereinzelte Loops(!), wenn sich Gespräche wiederholen, irritieren, und das nicht nur die Sehgewohnheiten. Die Linearität der Zeit scheint eine trügerische zu sein. Absorption verwandelt sich recht bald in Desillusion; des einen Freud, des anderen Leid. Kurzum: Eine bemerkenswert außergewöhnliche Geduldsprobe in blassen Bildern, die insbesondere jeden Genre-Puristen verzweifeln lässt.

Filmfestspiele Venedig (Sektion: Orizzonti)
Mahi Va Gorbeh, Iran 2013, 134′
Regie: Shahram Mokri
Darsteller: Babak Karimi, Saeed Ebrahimi Far, Abed Abes

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