Mad Max: Fury Road

Von Ben Grippenkoven

warboy_furiosaGeigerzähler knacken im Off, Archivbilder zeigen nukleare Verwüstung. Postapokalyptische Einöde erstreckt sich unter Max Rockatanskys Füßen. Eine Eidechse krabbelt durch den Bildvordergrund, reckt ihre zwei Köpfe in die Luft, rennt in Richtung Max, der sie ohne hinzusehen mit einem Stampfen seines Stiefels erlegt und gierig in den Mund steckt. Hier steht ein Mann in einem Männerfilm, der hart ist und gemein, der rohes Fleisch isst und den niemand aufhalten kann.

Die ersten Augenblicke in George Millers Film suggerieren dem Zuschauer, dass sich hier nicht mit Andeutungen aufgehalten wird, dass hier keine Aufmerksamkeit für szenische oder diegetische Interpretationen verschwendet werden muss. Es ist eine Möglichkeit diesen Film zu schauen: Mad Max, das rohe Action-Spektakel, maskulin und oberflächlich.

Auf den zweiten Blick bietet der Film eine weitere Lesart an, die spannender ist. Mad Max, die ironisierende Generalkritik, die Klischees im Minutentakt aufbaut, filmisch kommentiert und nicht selten umgehend in Flammen aufgehen lässt. Die Eingangsszene ist nur eines von sehr vielen Beispielen dafür.

Die zweiköpfige Eidechse ist eine bewusst alberne Verbildlichung nuklearer Verseuchung, als Kommentar auf hunderte ähnliche Bilder in vorangegangenen Filmen. Nach wenigen Sekunden verendet das Tier unter Rockatanskys Sohlen. Er wird sofort als harter Kerl stilisiert, der jedoch, kaum hat er mit steinerner Miene ein paar Mal auf dem toten Klischee herumkaut, hektisch die Flucht ergreift. Nur wenige Sekunden nachdem er mit seinem V8 den ersten Hang herunter gebrettert ist, wird er aber auch schon gefangen und an die Leine gelegt.

Dieses ironisch übertriebene Spiel mit den von plattem Action-Kino besetzten Sehgewohnheiten vollzieht sich im gesamten Film. Es beginnt mit der Eidechse, wird fortgeschrieben von den „Warboys“, die ekstatisch in den Kampf ziehen und nicht zuletzt von Max selbst, der in weiten Teilen des Films nur brummend, knurrend und einsilbig spricht. In Mad Max wird nicht nur mit einer Kriegstrommel zum Angriff getrieben, sondern gleich mit vieren. Diese sind prahlerisch auf einem umgebauten Truck befestigt und werden von einer riesigen Boxenwand garniert, vor der ein angeketteter, entstellter, blinder Warboy mit einer Flammenwerfer-E-Gitarre Metalsounds in die Wüste schickt.

Hinter dem Steuer eines gigantischen Tankzugs sitzt Imperator (nicht „Imperatorin“) Furiosa, gespielt von Charlize Theron. Sie ist die Anführerin einer Freiheitsbewegung und mit ihrem Gefährt und einem Gefolge von versklavten Frauen, Max und einer überraschenden anderen Person auf der Flucht vor Oberfaschist Immortan Joe und seinen Anhängern, der sein menschliches Eigentum zurückverlangt. Geladen hat die 2000 PS-Maschine nicht nur Treibstoff, sondern Unmengen an Muttermilch. Eine auffällige Dichotomie, in der Treibstoff als männlich, als Triebmittel für zerstörerische Maschinen, und Muttermilch als weiblich, als Lebenssaft dargestellt wird, um den sich eine zivilisiertere Gesellschaft ausbilden soll. An dieser Stelle wird der Kommentar-Stil der betrachteten Filmebene besonders interessant. Im Hinblick auf Geschlechterrollen entfaltet sich die Relevanz des Films auch auf einer gesellschaftlichen Ebene. Man ist geneigt dem Film eine Wertung zu unterstellen, betrachtet man seine plakative Bildlichkeit: Handelt es sich hier um einen feministischen oder einen sexistischen Film? Für beide Standpunkte lassen sich Indizien finden, auch wenn schnell klar wird, dass einer von beiden überwiegt.
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Furiosa wird als klug und stark, intelligent und mitfühlend dargestellt, vereint also sowohl Eigenschaften in sich, die im Kino oftmals als typisch männlich verkauft werden, als auch solche, die als typisch weiblich gelten. Sie befehligt Männer, trägt ihre Haare kurz, ihren fehlenden Arm hat sie durch eine Prothese ersetzt. Das ist untypisch, bedenkt man, dass Frauen in Hauptrollen von Blockbuster-Filmen in der Regel erotisiert werden und unversehrt bleiben. Die Männer im Film scheinen vor allem kampfeslustig und tumb zu sein. Sie schreien, grunzen und sterben reihenweise – harte Kerle, die keine Mühe scheuen, ihre Ziele zu erreichen.

Auf der anderen Seite sind viele der auftretenden Frauen schlank, groß, leicht bekleidet und hilflos. Männer haben sich die Welt zu untertan gemacht. Immortan Joe hält sie als sogenannte Brüter, die für ihn den perfekten (männlichen) Nachfolger zur Welt bringen sollen. Eindeutige Bilder versinnbildlichen die zum Nutztier degradierte Frau: Eine Sequenz zeigt Frauen, die wie Kühe an Melkmaschinen angeschlossen sind, das weibliche Ensemble an Bord Furiosas Trucks wird als Premium-Brüter etikettiert.

In Mad Max können Männer und Frauen alles sein. So scheint es zunächst. Hier ist dem Film die einzige wirkliche Inkonsequenz vorzuwerfen – denn alle Frauen im Film sind gut. Frauen können scheinbar alles sein, außer böse. In einem so gut durchkomponierten Film kann ich das Fehlen eines weiblichen Bösewichts nur als Schonhaltung verstehen, die in einem kompromisslosen Film wie Mad Max: Fury Road kaum verständlich ist. Die einzige Erklärung ist, dass eine mögliche Schurkin der Diegese, die von einem rigorosen Männerfaschismus erzählt, zum Opfer gefallen ist. Doch dieses Argument vermag nicht zu überzeugen, da sich die Problematisierung von Rollenbildern im Film als Hauptanliegen des Autors offenbart.

Trotz dieser Inkonsequenz handelt es sich um einen Film mit emanzipatorischem Potential. Es kommt nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Individuum an. Sobald so etwas wie Rollenklischees verbildlicht werden, wirken sie absurd. Ein Kunstgriff – in der postapokalyptischen Wüste, in der zunächst jeder auf sich selbst gestellt zu sein scheint, werden Geschlechter als gesellschaftlich konstruiert entlarvt.

Mad Max: Fury Road funktioniert hervorragend. Und zwar auf beiden hier betrachteten Ebenen. Er ist ein Non-Stop-Action-Feuerwerk (was natürlich durch jede Menge Feuer und Explosion reflektiert wird) und ironisierende Kritik, ohne sich damit zu viel vorzunehmen. Ein Spektakel mit Augenzwinkern, wirklich sehenswert.

Mad Max: Fury Road, AUS/USA 2015, 120’
Regie: George Miller
Drehbuch: George Miller, Brendan McCarthy, Nick Lathouris
Kamera: John Seale
Stunts: Greg Van Borssum
Darsteller: Charlize Theron, Tom Hardy, Rosie Huntington-Whiteley, Nicholas Hoult
Verlieh: Warner Bros. GmbH
Kinostart: 14.05.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

One Response to “Mad Max: Fury Road”

  1. franziska-t

    Ich kann dem nur zustimmen. Ich hatte eigentlich stumpfe Sinnlosaction erwartet, aber eigentlich macht der Film ziemlich viele Fässer auf: Klimawandel/Ausdehnung der Wüste, die Rolle von Mann und Frau in einer dystopischen Zukunft oder der Kampf um Ressourcen (in diesem Fall Wasser, Öl und Muttermilch). Ebenso überraschend ist, dass der titelgebende Held gar nicht die eigentliche Hauptfigur ist.

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2015/06/05/mad-max-fury-road-o-2015/

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