Mad Circus

Filmfest Braunschweig
Balada triste de trompeta / Regie: Álex de la Iglesia / Spanien 2010 / 107′

Schon die ersten Sekunden des Films lassen erahnen, dass man das Kino nicht unbedingt als Clown-Liebhaber verlassen wird. Auf der Tonebene ist man umzingelt von lachenden Kindern, zu sehen ist zunächst nur ein schwarzes Bild. Dann taucht er plötzlich auf, der Clown und obwohl er ganz normal aussieht, herrscht eine leicht verstörende Stimmung (vielleicht liegt das auch an mir, als Kind gab es nichts, das mir mehr Angst einjagen konnte als Pennywise, der Clown aus Stephen King’s “Es”).
Die Handlung beginnt zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs, als Francisco Franco an die Macht kommt. Die Mitglieder eines Zirkus’ werden für den Kampf gegen die Aufständischen rekrutiert, unter ihnen ist auch ein Clown. Wenn er etwas später in voller Montur mit einer Machete bewaffnet die feindlichen Truppen niedermetzeln wird, ist das nur der erste groteske Moment in einem Film, der sich selbst immer weiter treibt, bis in den totalen Wahnsinn.

Die eigentliche Geschichte dreht sich aber um zwei andere Clowns, Javier und Sergio. Javier ist der Sohn des Clowns vom Anfang und kann aufgrund seiner Familiengeschichte nur ein trauriger Clown werden, zum Lachen ist er nicht gemacht. Sergio ist als Clown beliebt, sobald er sich abschminkt wird er allerdings zum saufenden Arschloch, das seine Freundin Natalia verprügelt. In die ist Javier natürlich auch verliebt und so nimmt alles seinen Lauf. Er kann nicht weiter mitansehen, was Sergio Natalia antut und rastet aus. Es kommt zu einem plötzlichen und ziemlich blutigen turning point, nach dem der Film noch abgedrehter wird als er vorher eh schon ist. Die Übertreibungen werden ist Unermeßliche getrieben, Maßlosigkeit scheint die Devise zu sein. Immer mehr entwickelt sich alles in eine Richtung, die sich letztendlich nur noch als eins klassifizieren lässt: die totale Freakshow. Und weil das doch viel krasser und teilweise unerwarteter kommt, als man zu Beginn vermutet, soll an dieser Stelle auch nicht mehr verraten werden (man sollte sich vielleicht vor dem Film auch nicht zu viele Bilder davon ansehen, um sich das komplette Ausmaß des Wahnsinns tatsächlich fürs Kino aufzusparen).

Allein die Titelsequenz ist bildgewaltig und wird gepaart mit der Musik zu einem frühen hypnotischen Höhepunkt des Films. So eindringlich kann der Rest zwar nie werden, aber De la Iglesia versteht es, Extreme zu zeigen, die in Zerstörung und Selbstzerstörung gipfeln. Was sich am Anfang noch langsam steigert, bricht plötzlich aus und überrollt die Zuschauer förmlich. Laut, düster, schrecklich, grell, widerlich, wahnsinnig, grotesk – es gibt viele Worte, die diesen Film beschreiben können, allerdings wird man sein komplettes Wesen damit nicht fassen. Mad Circus mischt die verschiedensten Genres wild durcheinander, ohne auch nur die geringsten Grenzen zu beachten. Gleichzeitig kann man ihn als Sinnbild für die Franco-Ära und die Schrecken des Spanischen Bürgerkrieges lesen. Krieg ist Wahnsinn, eine Ordnung herrscht nicht mehr, am Ende bleibt nur Zerstörung zurück. Und das alles wird untermalt vom beklemmenden Klang des Liedes “Balada de la trompeta” von Raphael.

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