M.I.A – „Borders“ – Videopremiere.

M.I.A – „Borders“ 04:42’, 2015.

Einige Künstler schaffen es diese Vorweihnachtszeit wieder, sich und das Elend der Welt oberflächlich in Bezug zu setzen.

Mathangi “Maya” Arulpragasam, a.k.a. M.I.A, setzt sich mit ihrem neuen Video zu ihrer Single „Borders“ zwar innerhalb des Mainstreams in Szene, schafft es aber gleichzeitig durch Schnitt und Bildgestaltung, ihrer Sicht der Flüchtlingskrise und den postkolonialen Auswirkungen klare Aussagen zuzuweisen.

Der Clip beginnt. Hinter M.I.A gehen in zwei unendlich langen Reihen Flüchtlinge auf den Betrachter zu. Sie rappt die Zeile: „Freedom, I’d meet ’em, once you read ’em – This one needs a brand new rhythm.“

Was in etwa bedeutet, dass diejenigen die von Freiheit gehört haben, sie auch finden wollen – und diese Auffassung sollte überdacht werden. Weshalb M.I.A im folgenden aufzählt, was alles als Lüge zu hinterfragen gilt: „Borders – Politics – Police shots – Identities – You’re privileged.“ Diese Pointierungen stehen einzeln, immer mit der Anschlussfrage: „What’s up with that?“

Die Schlagworte verändern sich: „Broke people – Boat people – The realness – The new world.“ M.I.A weist auf die Fehler im System von arm und reich hin. Es mag aggressiv klingen, wenn der Refrain Worte wie „Guns“ und „Fuck `em“ enthält. Doch scheinen sich diese textbasierend eher gegen die trügerischen Smartphone-Informationen zu richten, die in Dritte Welt Ländern empfangen werden und dort oft beides als Schlüssel zur verheißungsvollen westlichen Welt gilt.

Wie in früheren Werken ist M.I.A daran gelegen, in Freiheit mehr die Unabhängigkeit zu sehen: „We’re solid and we don’t need to kick them.“ Gewalt kann dabei zu einem Mittel werden, um sich zur Wehr zu setzen, z.B. gegen heilversprechende, nutznießende Entwicklungshilfe. Hier geht es darum unabhängig von geschönten Bildern und Informationen zu sein. „Makin’ money – Love wins – Living now – Being real“ als Hooks, sind auch zusammenfassende Schlussaussagen heuchlerischer Hollywood Produktionen.

Viele Bilder von M.I.A’s Videos sind mit Menschen choreografiert. Lächerlich und naiv ist, wie z.B. Spiegel Online schreibt, dass die Grenzzäune in denen die Akteure hängen „grotesk hoch“ seien und sich in ihnen trotzdem Platz findet, durch Positionen beim Klettern das Wort „LIFE“ nachzustellen.

Es sind langsame Bilder reduzierter Botschaften. In kargen Farben gekleidet bilden die Akteure einen Öltanker, der im Gegensatz zu den überfüllten Flüchtlingsbooten, die Ausbeutung symbolisiert. Einige Helikopter- und Weitwinkelaufnahmen zeigen die resignierte Masse, die gegenüber einer bedrohlichen Zukunft abwartend in den ziellosen Booten liegt.

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Zum Schluss des Clips, nachdem die Musik verstummt, zieht sich ein langer Trek männlicher Flüchtlinge mit freiem Oberkörper, einer nach dem anderen, watend durch das Wasser. Erst mit der langaushaltenden Beobachtung wird nach dem dritten Schnitt klar: Sie folgen einem, der ins Nirgendwo vorangeht und aus dem Nirgendwo kommt erst jetzt, ein bunt, aufgewühlter, eingekleideter Haufen Flüchtlinge – ungeordnet und hastend zurück.

Eine Frage stellt sich mir noch. Weshalb sind keine weiteren Frauen in dem Video zu sehen? Mein Interpretationswille möchte mich zu folgendem Schluss verleiten: Kurz vor dem Ende des Clips wird M.I.A gezeigt, wie sie selbst im Grenzzaun hängt. Lässig, hier mit einer modischen Sonnenbrille als Zeichen der Upper-Class als Pin-Up-Girl inszeniert, der Spot ist nur auf sie gesetzt, die Refugees neben ihr im Zaun bleiben unbeleuchtet im Dunklen. Es ist ihre selbstreflexive Position, die sie auf diese Weise einnimmt und sich somit ironisch überhöht ausstellt. Sie als Frau und ihrer Herkunft ist nur bedeutend, weil sie es geschafft hat.

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Titel: M.I.A – Borders 04:42’, 2015.

Regie: M.I.A
Schnitt: M.I.A
Creative: M.I.A & Tom Manaton
Art Direction: M.I.A, Sugul Arulpragasam, Tom Manaton

Rechte: Interscope Records

Webpremiere: 27. November 2016

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