Luca (m/w/d) und Sous La Peau

Mehrere Kurzfilme und Dokumentationen zu einem kleinen, thematisch stimmigen Programm zusammengestellt, sorgte auf dem 62. Festival für Animations- und Dokumentarfilm in Leipzig nicht nur für eine inhaltliche Struktur, sondern auch für einen direkten Vergleich verschiedener Arbeiten; so geschehen im Falle von Luca (m/w/d) von Ricarda Funnemann und Hannah Schwaiger und Sous La Peau (Under The Skin) von Robin Harsch, die beide LGTB*-Inhalte gänzlich unterschiedlich inszenieren.

Das siebenminütige Portrait Luca (m/w/d) besticht durch eine eigenwillige Ästhetik, geprägt von stillstehenden Fotografien und dynamischen Momentaufnahmen. So unkonventionell wie der Stil, ist auch der portraitierte Schauspieler Luca Hennig. Laut eigener Aussagen sieht er sich weder dem männlichen, noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig; da aus dem anschließenden Gespräch mit den Regisseurinnen hervorging, dass von Luca männliche Pronomen genutzt werden, wird dies in der vorliegenden Kritik berücksichtigt.

Seine Facetten werden in verschiedenen Situationen zwischen Theaterbühne und Geschirrspüler eingefangen, und einzig er selbst kommt zu Wort, bis auf einen kurzen Moment, als ein vorbeifahrender Radfahrer Lucas Äußeres mit „Was war das denn?“ kommentiert. Nichts an ihm scheint „männlich“ oder „weiblich“, egal, ob er ein Kleid trägt, eine Hose, oder seine Bühnenkleidung.

Eine filmische Sprache, die zwischen Bewegung, Stillstand, Schärfe und Unschärfe changiert, fängt dies ein, das recht komplexe Thema der Genderfluidität wird greifbar. Luca (m/w/d) ist weniger als Dokumentarfilm, dafür aber als eine porträtierende Momentaufnahme zu sehen. Schließlich verhindert die kurze Laufzeit bei dieser No-Budget-Produktion einen tiefergehenden, umfassenderen Blick.

 

Anders verhält es sich bei Sous La Peau. Der Dokumentarfilm begleitet drei junge Trans*Personen, die das Refuge, ein Zentrum für queere Jugendliche in Genf, frequentieren, und sich in ihrer Transition befinden. Neben ihnen selbst kommen deren Eltern, sowie Regisseur Harsch zu Wort, wodurch er trotz seiner Position hinter der Kamera die Rolle eines Akteurs einnimmt. Kaum eine Szene lässt er unkommentiert, entweder, indem er seinen Akteur*innen zahlreiche Fragen stellt, oder seinen Gedanken in Voice-Overs freien Lauf lässt. Er gibt im Zuge dessen zu, kaum etwas über Trans*Identitäten zu wissen, und schnell wird deutlich, dass er im Vorfeld wahrscheinlich kaum Recherche betrieben hat. Anders sind seine naiven, zumal auch taktlosen Fragen über Intimstes aus dem Leben der Trans*Personen nicht zu erklären.

Leider beschränkt sich der negative Eindruck nicht einzig auf die von Harsch gestellten Fragen. In seinem Versuch, einen allumfassenden Blick auf die Realität von Trans*Personen zu produzieren, verfängt sich Sous La Peau früh in Altbekanntem, und schafft es nicht, informative Perspektiven darüber hinaus zu bieten. Die erneute Reproduktion des Klischees der tragischen Trans*Person scheint längst nicht mehr zeitgemäß. Es ist nicht zu bestreiten, dass Suizidgedanken, selbstverletzendes Verhalten und Ignoranz durch Bezugspersonen wie etwa den eigenen Eltern die Biografie von Trans*Personen prägen können – doch Sous La Peau vermittelt den Eindruck, dass diese Aspekte deutlich positiven Erlebnissen gegenüber überwiegen. Vor allem die ignoranten Aussagen der eigenen Eltern, die davon reden, dass sie sich fühlen, als würde der „neue Sohn“ die eigentlich bislang großgezogene Tochter umbringen. Auch wenn solche Aussagen zum großen Teil revidiert werden, bleibt der bittere Beigeschmack solch furchtbarer Worte. Hilfreicher wäre es, positive Elternbilder zu produzieren, die anderen Eltern ein Vorbild sein könnten im unterstützenden Umgang mit den eigenen Kindern.

Viel zu oft scheinen die drei jungen Leute nicht der Mittelpunkt zu sein, sondern vielmehr Harsch und seiner Kamera ausgeliefert. Auch wenn unverblümte Gespräche über Transitionen und Identitätsfindung durchaus begrüßenswert sind, trifft Harsch nur selten den richtigen Ton. Eine Trans*Frau nach ihrem Glied zu fragen, und ob es in Ordnung wäre, es zu filmen, wirkt geschmacklos, ebenso wie das Filmen durch Glasscheiben, während sie unter Narkose auf dem OP-Tisch liegt. Zudem scheint Harsch mit dem Begriff des Deadnamings nicht vertraut zu sein, denn die abgelegten Geburtsnamen der Akteur*innen sind alle bekannt und auch präsent, wie etwa durch einen Zoom auf die Gesundheitskarte der Krankenkasse, auf der neben dem Deadname auch ein altes Foto aus Zeiten der falschen Geschlechtsidentität zu sehen sind. Anstatt über Deadnaming aufzuklären und Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass die Namensfindung zentral und schwierig sein kann, werden die Geburtsnamen prominent präsentiert und langwierige Prozesse einer Namensfindung, im Zuge derer verschiedene Vornamen ausprobiert werden, wie absurde, humoristische Pointen inszeniert.

Allerdings schafft es Sous La Peau im Kontext solcher Momente, auch informative Eindrücke zu vermitteln. Wie es für einen Trans*Mann ist, Testosteron zu erhalten, wie die bürokratische Abwicklung einer Namensänderung funktioniert, und welche Strategien in Frage kommen, wenn eine Klassenstufe einer Schule über die Transition eine*r Mitschüler*in erfährt, sind wertvolle Einblicke in ein Leben, das viele Zuschauer*innen wohl nie selbst erleben werden. Leider sind die erwähnten Szenen zu kurz, um alle relevanten Details zur Sprache zu bringen. Weiterhin geben die Gespräche mit den Sozialarbeiterinnen, die das Refuge betreiben, einen interessanten Einblick in ihr Arbeitsfeld.

Doch alles in allem hat Sous La Peau für ein Publikum, für das LGTB* nicht bloß eine Zusammenstellung verschiedener Buchstaben darstellt, nicht viel zu bieten; einen wertvollen ersten Einstieg ins Thema „Transgender“ kann es allerdings auch nicht bieten. Trotz ihres Titels bleibt die Dokumentation an der Oberfläche eines hochkomplexen Themas. Zu oft fehlen Sensibilität, Taktgefühl und auch Informationsgehalt, um aus reißerisch scheinenden Momenten mehr als bloße Sensationen zu machen. Zu viele Aspekte sind altbekannt, überholt, oder in einem verzerrenden Licht dargestellt, sodass fraglich bleibt, was genau Harschs Vision für diese Produktion gewesen ist. Alles in allem bleibt der Nachgeschmack einer unausgegorenen, wenn auch bemühten Dokumentation, der etwas Entscheidendes fehlte, um als eine zeitgemäße Produktion zu bestehen. Zudem fällt das ausschließlich binär funktionierende, auf klischeehaften Geschlechterrollen basierende Weltbild auf, welches Harsch unreflektiert reproduziert. Dass zu (Trans*)Männlichkeit mehr gehört, als eine Abneigung gegen Handtaschen, und eine (Trans*)Frau mehr ausmacht, als eine Vorliebe für hochhackige Schuhe, sollte in der heutigen Zeit eine Selbstverständlichkeit darstellen. Harsch scheint dies nicht zu wissen – oder der Einfachheit halber zu ignorieren.

Einen Dokumentarfilm zu einem Thema zu produzieren, mit dem man selbst bislang nie in Berührung gekommen ist, ist ein Risiko, dem Harsch nicht gewachsen ist. Es bleibt zu hoffen, dass er sich den „Partnerfilm“ Luca (m, w, d) zu Herzen genommen hat, und seine Produktionen künftig näher an den Akteur*innen, und weniger an ihm selbst, orientiert sind.

 

Luca m/w/d, Deutschland 2019, 7 Min.

Regie: Ricarda Funnemann, Hannah Schwaiger

Kamera: Hannah Schwaiger

Darsteller*: Luca Hennig

Verleih: –

Kinostart: –

 

Sous La Peau, Schweiz 2019, 84 Minuten

Regie: Robin Harsch

Kamera: Robin Harsch

Darsteller*innen: Logan, Söan, Effie Alexandra, Alexia Scappaticci, Manon Zbinden

Verleih: Aardvark Film Emporium

Kinostart: 25. 06. 2020 (Deutschschweiz)

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