Low Tide

Filmfestspiele Venedig
Sektion: Orizzonti / Regie: Roberto Minervini / USA/I/B 2012 / 92’
Schon die ersten Bilder von Low Tide sind charakteristisch für den gesamten Verlauf des Films: ein Junge, etwa 12 Jahre alt, läuft alleine durch ein kahles Feld. Er ist auf dem Weg zu einem Automaten, um einen Sack voll Eis zu holen, wird diesen anschließend alleine den ganzen Weg zurück nach Hause schleppen, um sich dann auf einen kleinen Haufen Eis zu legen. Seine Tage verlaufen im Grunde immer gleich. Er ist auf sich allein gestellt, zieht mit seinem Fahrrad durch die Gegend, geht manchmal angeln, fängt Frösche oder sammelt zusammen mit einem älteren Mann Dosen auf. Die Mutter taucht erst nach einiger Zeit auf und selbst dann gibt es keine wirkliche Interaktion. Sie lässt nachts laut Musik laufen, während sie im Bett liegt und schläft. Der Junge deckt sie zu, macht die Musik und das Licht aus. Die Rollen sind vertauscht und daran wird sich im Laufe des Films wenig ändern.

Mutter und Sohn (deren Namen man nie erfahren wird) führen zum größten Teil separate Leben ohne wirkliche Anknüpfungspunkte. Während sie den ganzen Tag und meistens auch die ganze Nacht unterwegs ist, streift er einerseits durch die Felder wie es ein Kind eben tut, kümmert sich andererseits aber auch um die Wäsche, kocht, putzt und macht kurz gesagt alles, was im Haushalt anfällt. (Zwangsläufig zieht man Parallelen zu L’enfant d’en haut, dem diesjährigen Berlinale-Beitrag von Ursula Meier, in dem es ebenfalls um eine verdrehte Beziehung zwischen Mutter und Sohn geht und der Junge sich erwachsener verhalten muss als er ist.) Und wenn seine Mutter in scheinbar unregelmäßigen Abständen zur Arbeit im Pflegeheim geht, muss er mitkommen und auch dort mit anpacken. Hier herrscht dann plötzlich ein anderer Ton und die Autorität des Elternteils wird spürbar, wenn der Junge auf Arbeitsanweisungen mit einem “Yes Ma’am” antwortet. Gesprochen wird aber die ganze Zeit über so wenig, dass es fast unangenehm ist, gleichzeitig aber auch glaubwürdig, weil man sich nicht vorstellen kann, dass sich die beiden viel zu sagen haben. Es herrscht eine völlige Distanz, in manchen Momenten wird aber zumindest eine gewisse Gewohnheit spürbar (Vertrautheit wäre wohl ein zu positives Wort). Intimität oder Zuneigung sind kaum zu spüren, wenn dann eher von Seiten des Jungen, wenn er seine besoffene Mutter mal wieder ins Bett schleppen muss und sich dann neben sie legt. Es ist aber auch kein wirklicher Ärger oder Hass zu spüren, die beiden scheinen einfach nebeneinander her zu leben. Auch wenn eigentlich nicht viel passiert, gibt es doch eine Reihe von Ereignissen, die das Verhältnis mehr und mehr stören und die Situation langsam eskalieren lassen.
In einer Schlüsselszene wird der Junge nachts mit einem “It’s time to party” aus dem Bett gezerrt und vom Freund der Mutter zur Party im Haus gezogen. Er wird festgehalten, sie wollen ihm Bier einflößen, aber er weigert sich. Und Mama geht vorbei und lacht, als sei nichts passiert. Das Schöne an der Inszenierung ist, dass selbst diese dramatischen Punkte eigentlich sehr unspektakulär gezeigt werden. Es wird zwar deutlich, dass die Situation für den Jungen schlimm ist, aber es ist nur ein kurzer Moment, nach dem er sich losreißt und wieder ins Bett geht. Alle Fehltritte seiner Mutter scheint er einfach hinzunehmen und begibt sich schnell wieder in die alte Routine, bis ziemlich plötzlich der eigentlich längst überfällige Hilfeschrei kommt, der ihn ins Krankenhaus bringen wird. Und seine Mutter wird zum ersten Mal Zuneigung zeigen und ihn in den Arm nehmen. Am Ende drängen sich hoffnungsvolle Bilder und damit verbundene Gedanken förmlich auf, obwohl der Film das gar nicht nötig hätte. An der Beziehung hat sich eigentlich nichts geändert, wahrscheinlich wird sich auch in Zukunft nichts daran ändern. Aber vielleicht muss man dieses Ende auch als temporäres Glück hinnehmen, als flüchtigen Moment der Ruhe, der sowieso nicht anhalten wird.

Regisseur Roberto Minervini ist gebürtiger Italiener, lebt mittlerweile aber in den USA. Low Tide drehte er in Texas und arbeitete ausschließlich mit Laien, die er alle zufällig über gemeinsame Freunde kennenlernte. Das ist definitiv einer der spannendsten Punkte am Film, denn die Authentizität der Personen und die kleinen Einblicke in echtes Leben vermitteln eine besondere Form der Intimität und haben teilweise dokumentarische Züge. Gleichzeitig ist es passend, die Figuren namenlos zu machen und somit eher den Eindruck einer Allgemeingültigkeit zu geben, eines Eintauchens in die amerikanische Subkultur als solche. Im Grunde passiert nicht viel, aber der ausschnitthafte Einblick ohne Erklärungen oder Rechtfertigungen bietet einen ungeschönten und gleichzeitig undramatisierten Blick in einen tristen Alltag, der für viele Realität ist. Die weiten Landschaften kombiniert mit ruhigen, kaum vorhandenen Dialogen charakterisieren das Ereignislose und auch das Alleinsein auf die passende Art. Die Handkamera begleitet immer den Jungen und die Situationen, mit denen er umgehen muss, auch wenn sie stellenweise förmlich an ihm zu kleben scheint, was dann leider doch zu aufdringlich wirkt. Am Ende bleibt die Frage, ob ein derart authentischer Film wirklich auf einer “alles wird gut”-Note enden und einer eigentlich tristen Lebensweise einen hoffnungsvollen Ausblick geben muss. Und man ärgert sich, wenn man dieses unpassende Ende doch ein bisschen schön und nicht nur kitschig findet.

“The whole experience of filming Low Tide has been a real and authentic one, which is the kind of cinema I am most interested in making.” (Roberto Minervini)

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