Loving Vincent

In der Presse seit Wochen mit Begeisterung und Lob gefeiert und von einer umfassenden Marketing-Kampagne begleitet, hat Loving Vincent bereits eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die ersten eindrucksvollen Bilder, die vorab zu sehen waren, fachten die Neugier nur noch weiter an. Doch ist dieser Film, der nicht weniger als die mysteriösen Umstände des bis heute ungeklärten Todes Vincent van Goghs thematisiert, diesen Rummel wert oder sind die Ansprüche, die das Publikum und auch der Film selbst stellen, zu hoch? Lohnt sich der Kinobesuch oder ist die ambitionierte Animation bloße Augenwischerei?

Die Handlung setzt ein Jahr nach van Goghs Tod ein: ein Brief, den er an seinen Bruder Theo verschickt hatte, kommt wieder zurück, doch da der Absender bereits verstorben ist, kann ihn niemand entgegennehmen. Statt den Brief, der nicht zugestellt werden konnte, zu entsorgen, entscheidet sich der zuständige Postbeamte und Vincents früherer Freund Joseph Roulin dazu, diesen erneut an Theo van Gogh zuzustellen. Das soll Roulins Sohn Armand übernehmen, der jedoch wenig von Vincent hielt und diese Aufgabe nur sehr widerwillig annimmt. Doch auf der Suche nach Theo und später nach jemand anderem, der Vincent nahe genug stand, um diesen Brief schätzen zu wissen, ist Armand von Neugier und Ehrgeiz gepackt, nicht nur, um einen Empfänger auszumachen, sondern auch, um den Geschehnissen, die in Vincent van Goghs tragischen Tod gipfelten, auf den Grund zu gehen.

Der starke Fokus auf die Rekonstruktion der Geschehnisse kurz vor van Goghs Tod überrascht, wodurch zeitweise der Eindruck eines klassischen Kriminalfilms entsteht. Natürlich ist es schier unmöglich, die genauen Umstände dieses mysteriösen Todes zu rekonstruieren, der Fall Vincent van Gogh wird wahrscheinlich nie aufgeklärt werden, weswegen der Film die zahlreichen Fragen, die er aufwirft, nicht beantworten kann. Trotz der allseits bekannten Unmöglichkeit einer restlosen Aufklärung bleibt ein ernüchterndes Gefühl zurück, wieder nur mit bekannten Fakten und noch mehr Ungewissheit konfrontiert worden zu sein.

Ein Film, der Vincent van Gogh würdig sein möchte und den Versuch einer Aufklärung seiner Todesumstände zum Thema macht, muss natürlich etwas Besonderes sein. Tatsächlich hat sich dieses Projekt ein großes Ziel gesetzt, van Goghs besonderen Duktus in bewegten Bildern auf die Leinwand zu überführen. Schön für Kenner ist dabei der hohe Wiedererkennungswert, immer wieder tauchen seine bekanntesten Werke wie selbstverständlich auf und bilden eine stimmige Einheit mit Handlung und Animation. Beinahe berauschend bauen sich die einzelnen Szenen auf, die sichtbaren Pinselstriche scheinen regelrecht zu leben und zu atmen – was neben den Einzelbildern, nämlich über 65.000 sorgfältig von 125 Künstlern in Handarbeit gefertigten Ölgemälden, auch daran liegen mag, dass die Sequenzen zunächst mit realen Schauspielern gedreht wurden.

Doch das besondere an der Optik ist auch zugleich der größte Kritikpunkt: es ist nämlich gerade dieses besondere an van Goghs Stil, welches die Animationen zeitweise beinahe reizüberflutend flimmern lässt. Niemals kehrt Ruhe in die Bilder ein, Standbilder im klassischen Sinne gibt es nicht, aber möglicherweise wird gerade in solchen Momenten die Unruhe, wie sie in van Goghs Gemüt zu herrschen schien, am besten eingefangen. Beinahe uninspiriert wirken dagegen die in schlichtesten Strichen gehaltenen schwarzweißen Rückblenden, die durch ihre einfache Machart unangenehm mit den übrigen, aufwändigeren Szenen kontrastieren.

Für Liebhaber von van Goghs unverwechselbarer Pinselführung ist dieser Film definitiv sehenswert, denn eine gewisse Vorliebe muss vorhanden sein, um den Film wirklich genießen zu können. Wer sich kaum für van Gogh erwärmen kann, wird an diesem sehr speziellen Film nur wenig Freude finden. Dennoch ist dieses Projekt keineswegs als gescheitert zu beurteilen, denn ein schöneres Denkmal als ein handgemalter Spielfilm ließe sich für den zu Lebzeiten nicht gewürdigten Vincent van Gogh kaum kreieren.

 

Loving Vincent, Großbritannien/Polen 2017, 94 Min.

Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman

Buch: Dorota Kobiela, Hugh Welchman, Jacek Dehnel

Kamera:  Tristan Oliver, Lukasz Zal

Schauspieler: Douglas Booth, Saoirse Ronan, Aidan Turner, Chris O’Dowd

Verleih & Bildrechte: Weltkino Filmverleih

Kinostart: 28. 12. 2017

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