Lost River

Von Philipp Deny

lost_river_ryan-goslingLost River ist Ryan Goslings erster Film als Regisseur und Drehbuchautor. Die dystopische Erzählung nimmt den Zuschauer mit in eine mystisch aufgeladene Welt und zieht dabei Parallelen zur jüngeren Geschichte der USA.

Titelgebend ist der Handlungsort, eine nahezu verlassene Stadt im nicht näher bestimmten Amerika. Übrig sind nur eine Handvoll Bewohner: Billy (Christina Hendricks), eine junge alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen, die um den Erhalt ihres von der Zwangspfändung bedrohten Hauses kämpft. Die junge Rat (Saoirse Ronan), love-interest des älteren Sohnes Bones (Iain De Caestecker), wohnt mit einer Ratte als Haustier und ihrer apathisch vor-sich-hin-vegitierenden Großmutter nebenan. Der zivilisatorische Zusammenbruch wirft die letzten Bewohner zurück auf einen Kampf um Ressourcen. Bones entnimmt Bauruinen die letzten Reste Kupfer und zieht damit den Zorn Bullys (Matt Smith) auf sich, eines dümmlich wirkenden, dafür aber umso brutaleren Zeitgenossen, der sich auf das Gesetz des Stärkeren berufend als legitimer „König“ der Stadt betrachtet. Während Bully für die Zersetzung des amerikanischen kleinbürgerlichen Idylls von innen Pate steht, tritt von außen das moderne Feindbild des amerikanischen Traums hinzu: Der Banker Dave (Ben Mendelsohn), der sein Geld, neben der Abwicklung verschiedener „Lost Rivers“, mit dem Betreiben obskurer Varieté-Nachtclubs verdient. Mit Ihm wird Billy konfrontiert und nach einem Gespräch, das keinen Zweifel an der moralischen Verwerflichkeit Daves lässt, muss sie sich entscheiden: Das Haus verlassen oder auf Daves unmoralisches Jobangebot eingehen.

Gedreht wurde in Detroit und es bietet sich wohl kaum eine Kulisse besser an, um von der Vergänglichkeit amerikanischer Ideale zu erzählen. Auto und Haus, das sind zwei Symbole, die – gerade vor diesem Hintergrund – sowohl den amerikanischen Traum wie auch seiner Kehrseite verkörpern. Und so ist es neben dem Haus, dessen Kredit nicht mehr bedient werden kann, vor allem sein kaputtes Auto, welches Bones motiviert, auf Kupfersuche zu gehen. Dabei sind dies für die beiden nur Platzhalter im Kampf um den Erhalt einer Idee von Familie und Zugehörigkeit, die der Film ins Zentrum einer Reminiszenz an das Amerika der breiten Mittelschicht setzt. Diese Nostalgie äußert sich vor allem auf der bildlichen Ebene. Die Farben der Häuser rufen Assoziation zu Motown und den Sechzigern auf, die größeren Ruinen erzählen vom wirtschaftlichen Glanz und der exzessive Einsatz von buntem Neon-Licht erinnert an die Tage, in denen Werbung noch nicht auf Bildschirmen flackerte und somit selbst ein analoges Gewerbe war. Und so fällt auch nicht weiter auf, wenn Rat den Super8-Projektor rausholt und im Fernsehen ein uralter Kinderfilm läuft. Neben der narrativen Funktion, die der Vintage-Look besitzt, gelingt es Gosling damit nebenbei visuell an den Neo-Noir-Vibe seiner vorherigen Kollaborationen mit Nicholas Winding Refn anzuknüpfen. Diesen Eindruck bekommt man auch in Anbetracht der Performance von Iain De Caestecker, der nicht nur ein bisschen wie Gosling aussieht, sondern auch mehr als nur ein bisschen so spielt.
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Lost River sieht hervorragend aus, auch wegen der großartigen Arbeit des Chef-Kameramanns Benoît Debie. Allerdings verliert die formalästhetische Umsetzung des Topos spätestens ab der Mitte des Films ihren Anschluss an den Plot. Gerade Bones scheint als Charakter eine eher willkürliche Entwicklung zu vollziehen. Die metaphorische Spurenlegung verliert sich in vage-mystischen Andeutungen, die mehr Schein als Sein sind. Und so verläuft auch das Ende uneindeutig zwischen Happy End und Worst-Case. Lost River ist somit ein wenig geprägt wie der american dream selbst: Er glitzert und funkelt – kann am Ende aber nur wenige seiner Versprechen einlösen.

“Lost River”, USA 2015, 95′
Regie & Drehbuch: Ryan Gosling
Kamera: Benoît Debie
Darsteller: Christina Hendricks, Saoirse Ronan, Iain De Caestecker, Eva Mendes
Verleih: Tiberius Film
Kinostart: 28.05.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

One Response to “Lost River”

  1. franziska-t

    LOST RIVER ist inhaltlich wie optisch eine abgedrehte Mischung aus REQUIEM FOR A DREAM und DRIVE. Der starke Anfang geht dann aber in einer Blutlache aus Horror-Entertainment, Kriminalität und Neonbeleuchtung unter. Bones beginnt nach einer unterirdischen Stadt zu tauchen, die den Fluch, der auf Lost River, liegt, aufheben soll. Dazwischen verzweifelte Blicke und heruntergebrannte Häuser in Slow-Motion. All das kulminiert in einem unerklärlichen Nichts, wenn plötzlich die Straßenlaternen im See zu leuchten beginnen. Fassungslos sieht man sich den Abspann an und fragt sich, was das denn jetzt sollte.

    Hier meine Kritik: https://filmkompass.wordpress.com/2015/05/09/lost-river-omu-2014/

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