Live

Die Geschichte des Science-Fiction-Films Live von Lisa Charlotte Friederich und Rike Huy erscheint unglaublich. Vor vier Jahren entwickeln beide die Idee einen Film zu machen, in dem sämtliches soziales und kulturelles Leben verboten ist. Kneipen, Konzertsäle, Theater und Clubs sind geschlossen. Konzerte und Treffen können aus Angst vor Terroranschlägen nur noch Online stattfinden. Das dieses Szenario aufgrund von der aktuellen Corona-Pandemie nun zur Realität geworden ist, erscheint erschreckend und lässt die Grenzen zwischen Film und Realität verschwimmen. Vor allem wirft es die Frage auf: Was ist ein Leben ohne Kultur wert?

Deutschland in naher Zukunft: Die Straßen und Plätze in sämtlichen Städten sind menschenleer. Öffentliche Versammlungen von Personen sind verboten. Nahezu sämtlicher zwischenmenschlicher Kontakt sowie Veranstaltungen werden über Technologie Online gestreamt. Claire ist psychologische Notbetreuerin, sie kümmert sich um durch Anschläge traumatisierte Menschen und forscht nebenbei zu dem Thema Terror. Früher bildete sie mit Ihrem Bruder Aurel ein musikalisches Duo, dieser streamt nun seine Einzelkonzerte mit der Trompete online. Claire sehnt sich wie Ihre Klienten nach realer Nähe und Kultur. Einer berichtet, er hätte seit Jahren niemanden mehr angefasst, er vermisse das reale Gefühl von Menschengruppen, Musik, Gemeinsamkeit und physischer Nähe. So sehr, dass er sich der Gefahr eines Anschlags aussetzte. Viele haben sich auch damit arrangiert, die Vergangenheit zu vergessen. Claire fasst einen Plan: Sie wird ein reales Konzert mit ihrem Bruder spielen. Zusammen mit zwei Hacker*innen und diesem findet sie einen Ort sowie digitale Möglichkeiten dieses geheim durchzuführen, ohne dass die Regierung oder Attentäter davon mitbekommen. Die Clique wächst zusammen und findet als polyamouröse Gruppe auch körperliche Nähe und Liebe. Doch dieser Frieden wehrt nicht lange, denn Claires und Aurels Mutter besucht eines der Konzerte und konfrontiert Claire mit ihrer dunklen Vergangenheit, die mehr mit dem Terror zu tun hat als sie wahrhaben will. Denn sie ist selbst Täterin und hält das totalitäre System mit angsterzeugenden Terroranschlägen am Leben. Claire mordet daraufhin erneut und bringt Aurel um.

Der Soundtrack des Filmes ist stark von der Musik Huys geprägt, die diesen mit der Trompete entwickelte und ebenso als Produzentin fungierte. So entwickelt sich über den ganzen Film hinweg ein ständiger Wechsel von kalter Stille und warmer Musik. Friedrich fungiert überzeugend Protagonistin und Regisseurin, die mit sich selbst und ihrer Sehnsucht hadert. Nicht nur musikalisch bietet Live dystopische Bilder: Die Welt des Filmes wird oft in kalten Farben, viel Beton und minimalistischer Einrichtung gezeigt. Im Gegensatz hierzu fungiert die fast romantische Natur in der sich die Protagonistinnen zeitweise bewegen und in der sie Konzerte spielen als bunter Gegensatz.

Von den Entwicklerinnen ungeplant wird Live zu einem höchst politischen Film: Er zeigt eine dystopische Welt im Lockdown, bevor dieser im Jahr 2020 zur Realität wurde. Auch wenn der Grund für das Herunterfahren der Kultur in der Realität ein anderer ist, zeigt der Film deutlich die Auswirkungen und Sehnsüchte unserer Gesellschaft: physische Nähe ist nicht online ersetzbar. Volle verschwitzte Konzerträume riechen, den Schweiß auf den Lippen schmecken, tanzen und in der Masse untergehen. Gänsehaut bei klassischer Musik, ein Erlebnis mit anderen Menschen teilen. Ein Bier an der Bar trinken. Gemeinsam kochen, essen, lachen und weinen. Kultur und Gemeinschaft muss mit allen Sinnen erlebbar sein. Live erinnert daran, Kunst und Kultur nicht zu vergessen und ihren Wert wahrzunehmen. In einer Zeit, in der das Filmfest Braunschweig selbst online stattfindet, ist diese Debatte wichtiger den je.

Live kann auf dem Internationalen Filmfest Braunschweig noch bis zum 08.11.2020 gestreamt werden.

Deutschland 2020
Sprache: Deutsch
Untertitel: Englisch
Regie: Lisa Charlotte Friederich
Buch: Lisa Charlotte Friederich
Kamera: Ivàn Robles Mendoza, Tom Keller
Schnitt: Florentine Bruck, Lisa Charlotte Friederich
Musik: Rike Huy, Joosten Ellée
Sound: Ana Monte, Daniel Deboy
Mit: Karoline Marie Reinke, Anton Spieker, Corbinian Deller
Produktion: Lisa Charlotte Friederich, Rike Huy
Produktionsfirma: |li|ke| Filme Produktion
Verleih: UCM.ONE (Artkeim) 83 min, Farbe

 

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>