Limbo

Fahrradfahrten gibt es viele im Kino. Diese hier ist in einem Industriegebiet aufgenommen. Leicht rollt die Kamera neben Sara her. Es ist schon Herbst, aber Handschuh und Jacken braucht man noch nicht, einen Schal aber schon. Dann schiebt sich von rechts eine andere Schülerin ins Bild, weniger lächelnd als Sara. Sie blickt kurz zu ihr rüber, aber ob die beiden sich kennen, etwas spielen oder in Konkurrenz zu einander stehen, das wird hier nicht klar. Jedenfalls fahren sie nun im selben Rahmen (Cadre). Bis die Kamera plötzlich beschleunigt, an ihnen vorbeizieht, um im nächsten Moment nach links abzubiegen. Dort filmt sie dann eine große Halle mit einem langexogenen, verspiegelten Fensterband, in dem sie die beiden Mädchen als Reflexion wieder auffängt, gerade so, dass die Kamera sich selbst nicht spiegelt. Als das Fenster endet, fahren beide wieder vor die Kamera und die drei nehmen die nächste Kurve zusammen.
Es gibt viele solcher schöner und präzis konstruierter Szenen in diesem so naturalistisch wirkenden Film. Z.B. auch, wenn Sara und ihre Theaterlehrerin sich abends zufällig vor der Schule treffen. Einige Tage zuvor hatte Sara ihr gesagt, dass sie sich in sie verliebt habe. Aber was nicht ist, kann niemals sein, und so stehen sie sich in einer langen statischen Einstellung mit Abstand gegenüber, die alles von der Natürlichkeit und Unbekümmertheit der vorherigen Szenen verloren hat, weswegen der folgende Schnitt auf die untersichtige Nahe der Lehrerin diese zur Dreyer’schen Jeanne d’Arc werden lässt. Mit etwas Rot im Hintergrund.
Mit großer Sicherheit und Ruhe widersteht die Regisseurin der Versuchung, das Innere der Figuren darzustellen, das im Film ja immer nur über meist hölzerne Umwege erfolgen kann. Die wiederholt eingeschnittenen Szenen der Zuckerrübenernte stehen auch genau in der Logik: es geht um Außenansichten. Was wir sehen, erzählt sich uns. Und dafür muss man innen vor bleiben.
Nach Ramon Zürchers Das merkwürdige Kätzchen ist das nun schon der zweite Film der dffb in kurzer Zeit, der so anders ist als das was man sonst in Deutschland sieht. Beides sind kleine Schätze, die so wohl nur im schützenden Rahmen einer Filmschule entstehen können.

Sektion: Neues Internationales Kino
D/Dänemark 2014, 80′
R&B: Anna Sofie Hartmann
K: Matilda Mester

 

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