Life

Der strömende Regen legt einen blassen Schleier um den sonst so strahlenden New Yorker Time Square. Einzig ein in schwarz gehüllter junger Mann trotzt dem Regen. Den Kragen hochgestellt, die Hände tief in die Taschen vergraben und eine Zigarette im Mundwinkel: Es ist James Dean, wie man ihn aus den ikonischen Fotografien des Life Magazines kennt. Anstatt nun anlässlich des 60. Todestags von Dean am 30. September dessen komplettes – wenn auch kurzes – Leben zu verfilmen, konzentriert sich Anton Corbijns in seinem neusten Film auf die Entstehungsgeschichte eben dieser populärer Fotografien. Mit seinem metaphorisch gewichtigen Titel versteht sich Life dabei als episodischer Einblick in das Leben einer popkulturellen Leitfigur und als eine Entmystifizierung dessen fotografischen Nachlebens.

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Der junge Studio-Fotograf Dennis Stock (Robert Pattinson) lernt auf einer Party des Regisseurs Nicholas Ray den aufstrebenden Jungschauspieler James Dean (Dane DeHaan) kennen. Fasziniert von dessen extrovertierten Coolness und seinem einnehmenden Charisma, findet der Fotograf in Dean das langersehnte Motiv, welches seine künstlerische Karriere als seriöser Fotograf vorantreiben soll. So beabsichtigt er ein Fotoessays rund um James Dean im Life-Magazine zu veröffentlichen, ehe dieser endgültig zu einem Schauspielstar avanciert. Während die eigene Fotoagentur vergleichsweise schnell von diesem Plan zu überzeugen ist, stellt sich Dean, trotz anfänglichem Interesse, als unzuverlässig und sehr zurückgezogen heraus und versucht dem Fotografen immer wieder aus dem Weg zugehen. Stocks Hartnäckigkeit und Überzeugungsarbeit ist es letztendlich zu verdanken, dass sich zwischen den beiden Männern eine Art Freundschaft anbahnt – durchzogen von nicht ausformulierten homoerotischen Untertönen – welche die beiden von Los Angeles, über New York bis ins ländliche Indiana führt. Dennis Stock weicht seinem Motiv weder im Schauspiel-Workshop noch im Jazz-Club von der Seite, und stellt somit die Situationen nach, innerhalb derer die populären Fotografien von Dean zustande gekommen sind.

Es sollte nicht verwundern, dass der Film der Figur des James Deans die mit Abstand höchste Beachtung schenkt, während der nur vage gezeichnete Dennis Stock doch in Wirklichkeit der interessante Charakter ist: Nicht enden wollende künstlerische Ambitionen, die durch prekäre finanzielle Situationen beschnitten werden. Eine unverhältnismäßig starke Begeisterung für Deans Adoleszenz, während sein eigener sieben Jahre alter Sohn hunderte Kilometer entfernt auf ihn wartet, welchem er bei ihren seltenen Treffen dann auch nur merkwürdige Annäherungsversuche entgegenbringen kann. Stock bildet ein Identifikationsgefäß, maßgeblich vorangetrieben durch Pattions maskenhaftes Schauspiel, für das Filmpublikum, die über ihn in die Welt der Schauspielprominenz eingeführt werden, ebenso wie für den Regisseur Anton Corbijn selbst, der zunächst als Fotograf für ein Musik Magazin gearbeitet hat und viele Rock’n’Roll Größen vor der Linse hatte. Dies erklärt auch Dennis Stock Wunsch in Zukunft Jazz-Musiker zu fotografieren. Diese Referenz bleibt auch nicht lange latent, sondern wird spätestens dann explizit, als der Regisseur in der Rolle eines Boulevard-Fotografen in seinem eigenen Film auftritt.
Doch wer nun einen besonders reflektierten filmischen Umgang mit den Fotografien erwartet, wird jedoch enttäuscht: Vielmehr nehmen die prominenten Abbildungen und ihre Entstehung einen ambivalenten Ort im Film ein. Einige Fotografien, wie das Portrait im Friseursalon, werden nur beiläufig als misslungene Schnappschüsse offenbart, sodass es gelingt den Mythos, der diese Fotostrecke umgibt, stellenweise aufzubrechen. Andere hingegen, allen voran die Aufnahme auf dem Time Square, wird als spontaner Geniestreich des Fotografen inszeniert, der die magische Aura dieses Augenblicks sofort erkennt und einfängt.

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Diese Ambivalenzen ziehen sich nun durch den gesamten Film, sei es im Schauspiel oder in der filmischen Ästhetik.
Dane DeHaan etwa ist sichtlich darum bemüht James Dean markante Mimik, Stimme und Gestikulation möglichst originalgetreu zu imitieren, während die Schar aus Nebenfiguren, darunter der Studio Boss Jack Warner (Ben Kingsley) und Deans ehemalige Freundin Pier Angeli (Alessandra Mastronardi), ihre Rollen zügellos und überspitzt ausagieren. Was so von DeHaan als Hommage an James Dean angelehnt ist, kippt durch die Komparserie regelmäßig in eine Art Persiflage. Die Frage, ob DeHaan dem Schauspieler James Dean dabei gerecht wird oder nicht, erübrigt sich, da allein die Tatsache, dass er um eine so akkurate Wiedergabe von Deans durch kulturelle Mythen geprägten Persona bemüht ist, der aufklärerischen Intention des Films, die einen Blick hinter Deans öffentliche Person verspricht, komplett entgegenläuft. Stattdessen reproduziert und festigt es vielmehr jene Vorstellungen von James Dean, die ohnehin bereits jedem allzu bekannt sind.
Neben der schauspielerischen Leistung lenkt die spannungs- und handlungsarme Narration den Blick unweigerlich auch auf die elaborierte Optik des Films, welche sich jedoch auch als unentschlossen präsentiert. Einerseits gelingt es Corbijn den unterkühlten New Yorker Winter und die verrauschten Jazz-Clubs in sehr ruhigen und fast schon minimalistischen Bildern stimmungsvoll einzufangen, wozu auch die gelungene musikalische Untermalung maßgeblich beiträgt. Doch dies wird immer wieder durch übersatte und stark kontrastierte Bilder unterbrochen, die an eine Technicolor-Ästhetik der Filme James Deans erinnern. Diese ästhetische Reprise gelingt jedoch nicht, da die leuchtstarken Bilder, gerade in Gegenüberstellung zu Corbijns sonst so klarer und reiner Ästhetik, wiederum in das unfreiwillig Komische fallen und den teils karikierenden Eindruck aufrufen. Glücklicherweise endet der Film dann wieder in klassischem Schwarz-Weiß, wenn er die ursprünglichen Fotografien, die Stock von Dean anfertigte, im Abspann auf die Leinwand projiziert.

Life kann sich nicht so richtig entscheiden, welcher Film er gerne sein würde. Ob nun popkulturelle Hommage, zeitgenössische Neuauflage oder formschönes Retro-Kino. Stattdessen schwebt Life in einer Sphäre zwischen Imitation und Aktualisierung, zwischen Film und Fotografie, zwischen gut und mäßig. Und gerade der Abspann macht es dem Zuschauer leider viel zu einfach zu dem verkürzten Urteil zu kommen, dass das Original doch immer besser ist als die Verfilmung.

Life, Kanada / Deutschland / Österreich 2015, 111′
Regie: Anton Corbijn
Buch: Luke Davis
Kamera: Charlotte Bruus Christensen
Darsteller: Robert Pattinson, Dane DeHaan, Ben Kingsley
Verleih & Bildrechte: Universum Film / SquareOne Entertainment
Starttermin: 24. September 2015

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