Leviathan

Kraftvoll ertönen die monotonen Tonfolgen von Philip Glass. Nicht die einschläfernde Klavierinterpretation sondern die laute Orchesterfassung. Dazu Küste, Brandung, Felsen. Aber der Leviathan des Titels ist nicht von der Art der ewigen Wiederkehr, die die Exposition des Films andeutet. Er ist viel gegenwärtiger, profaner, aber nicht weniger gefährlich.
Kluge Filme erkennt man u.a. daran, dass sie ihren Titel mit Bedacht wählen, um klug auf eine bestimmte Perspektive des Inhalts hinzuweisen. Wirkt Leviathan in der ersten Hälfte noch wie eine straight erzählte Mischung aus Kaurismäki und Kusturica, verwandelt sich der Film danach in eine existenzielle Studie des Zerfalls. War der Wodka zuvor noch ein Running Gag, wird er dann zu einer Notwendigkeit, die man den armen Tröpfen, den Enteignern wie den Enteigneten, gerne zugesteht.
Und Leviathan? Der liegt als Gerippe am Strand. Denn angesichts der Banalität des Egoismus, der hier zelebriert wird, hat ein mythisches Wesen nichts zu melden. Und der selbstlose und aufrechte Kampf des Anwalts, der gegen die staatliche Willkür in der russischen Provinz vorgehen möchte, ist ebenso ewiggestrig, weswegen diese Figur nach einer Stunde sang- und klanglos mit einer Zugfahrt aus dem Film verabschiedet wird. Damit dieser sich dann endgültig der Auflösung hingeben kann. Kein Zufall also, dass der im Film verbal angesprochene Leviathan der der Bibel ist (man darf sein Schicksal nicht herausfordern, sagen die Pfarrer und verteilen das Brot unter den Armen und Schweinen), der des Titels sich aber durchaus auf den Hobbes’schen bezieht, in Umkehrung allerdings: ordnende Kraft geht hier vom Staat nicht mehr aus. Und da der Regisseur Andrey Zvyagintsev nicht Nikita Sergejewitsch Michalkow ist, wird auch kein Ruf nach einer starken Hand laut. Putin (als Bild an der Wand im Hintergrund präsent und damit den nichtsnutzigen Ikonen gleich: Schirm über Korruption) ist Teil des Problems. Leviathan ist tot, auch kein Zar kann ihn wieder zum Leben erwecken.

leviathan

Sektion: Neues Internationales Kino
weiterer Termin auf dem Filmfest Braunschweig: 16.11.
Russland 2014, 141′
Regie: Andrey Zvyagintsev
Buch: Oleg Negin, Andrey Zvyagintsev

 

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