Let each one go where he may

Heute (Mo, 17.1.) Abend um 19 Uhr wird der Film “Let each one go where he may” (USA 2010) von Ben Russell im Filmforum der HBK gezeigt.
Ben Russell ist ein junger Filmemacher aus Chicago, der zuvor mit sechs kurzen experimentellen Arbeiten einigen Erfolg verbuchen konnte. “Let each one go” lief im Wettbewerb von Rottderdam und bekam dort den Preis der Internationalen Filmkritik. Russells Films passt auch genau in jene Art des aktuellen Weltkinos, das vor allem von Rotterdam und Cannes geördert wird: kleine Filme, die sich eher auf Betrachtungen alltäglicher Geschehnisse konzentrieren, als mit großer Geste zeigen, erklären oder emotionalisieren zu wollen. Als bekanntere Vertreter wären hier Lisandro Alonso (Argentinien) oder Apichatpong Weerasethakul (Thailand) zu nennen.
“Let each one go” spielt in Surinam, einem kleinen Land in Südamerkia, nördlich von Brasilien. Er zeigt uns in dreizehn Plansequenzen zu je zehn Minuten  zwei Brüder auf einem Weg, den ihre Vorfahren vor 300 Jahren auf der Flucht vor niederländischen Invasoren zurücklegen mussten. Der Titel des Films geht dabei auf eine alte Überlieferung zurück, in der die Götter auf die Erde kamen, um die Sklaverei zu beenden.
Das ist aber nicht mehr als ein Hintergrund, das Konzept für die folgenden zwei Stunden. Während diesen verfolgen wir die beiden Brüder zwar, werden aber von ihnen wie auch vom Filmemacher weitgehend alleine gelassen. Es wird nichts erklärt und auch nichts dramatisiert. Wir befinden uns auch nicht in einem ethnographischen cinéma vérité, denn es geht nicht um das Festhalten alter Bräuche und Riten, auch wenn diese ebenfalls zu sehen sind. Man lernt in diesem Sinne nichts. Was man jedoch lernen muss, ist davon Abstand zu nehmen, Komplize von Protagonsiten und Filmemacher sein zu wollen. “Let each one go” ist in diesem Sinne auch ein programmatischer Titel, der die Freiheit des Publikums beschreibt, mit dem Film zu machen, was man möchte (oder eben einfach zu gehen), ohne dass er selbst dabei beliebig bliebe.
Was bekommt man aber, wenn man bleibt und sich darauf einlässt? Ein Gefühl von Fremdheit, das selten geworden ist heute im Kino, eine Fremdheit, die betrachtet werden kann und auch nicht wegerklärt wird. Eine Fremdheit, die wichtig ist bei der Arbeit mit Film, bei der einem der Blick auf das Neue, das Andere und manchmal auch das Wesentliche allzuoft verstellt wird durch die Gewöhnung an das, was man allgemein Filmsprache nennt, was aber meistens nichts anderes ist als eine Konvention, die wie alle Konventionen schnell zu einer Art von Unterdrückung und Ideologie wird, wenn man diesen nicht regelmäßig hinterfragt und herausfordert.

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