Le Havre – Nostalgie in Blau

Als dem Schuhputzer Marcel Marx (André Wilms) der junge Flüchtling Idrissa (Blondin Miguel) zum ersten Mal begegnet, hat dieser etwas von einem Geist, einer Figur, die auf surreale Weise im Wasser erscheint und kurze Zeit später genauso unerwartet verschwindet. Hinter dieser unwirklichen Begegnung verstecken sich aber sehr reale Problematiken. Idrissa wurde gemeinsam mit anderen afrikanischen Flüchtlingen in einem Container am Hafen der Stadt gefunden und konnte rechtzeitig weglaufen. Alles, was der Junge will, ist nach London zu kommen, wo seine Mutter schon seit einiger Zeit lebt. Und dabei wird ihm Marcel helfen. Er nimmt Idrissa bei sich auf, auch wenn die Polizei auf der Suche nach ihm ist. Denn wenn man eine Sache aus Le Havre mitnehmen kann, dann, dass es kleine Wunder durchaus geben kann – zumindest in Kaurismäkis Film-Universum.

Aber nicht nur Marcel wird zum Retter, das Besondere an der Erzählung ist, dass auch alle seine Bekannten direkt bereit sind, Idrissa zu helfen und alles tun, um seine Flucht nach London zu ermöglichen. So wird kurzerhand ein Konzert organisiert, um mit den Einnahmen die Überfahrt zu finanzieren. Die Erzählung funktioniert aber keineswegs nur einseitig, auch Idrissa hilft Marcel auf gewisse Weise. Er taucht genau zu dem Zeitpunkt auf, als dessen Frau Arletty (Kati Outinen) aufgrund einer schweren Krebserkrankung ins Krankenhaus muss. Der Junge leistet ihm aber nicht bloß Gesellschaft in einer Zeit der Einsamkeit, er schafft ihm eine Aufgabe, die ihn von den eigenen Problemen zumindest für einen Moment ablenken kann. Und als Idrissa gegen Ende des Films an Arlettys Krankenbett steht und sie darum bittet, schnell gesund zu werden, damit Marcel nicht mehr allein sein muss, wirkt er fast wie sein Schutzengel.

Regisseur Aki Kaurismäki hat in Le Havre eine Welt gezeichnet, in der die Menschlichkeit noch eine Chance hat und in der sich auf wundersame Weise alles zum Guten wenden kann. Der märchenhafte Charakter der Erzählung macht Dinge möglich, die so in der Realität nie passieren würden, egal, wie sehr man es sich wünscht. Das kann man unrealistisch nennen – ist es ja auch – allerdings nicht im negativen Sinn. Anstatt sich darüber zu ärgern, wie unvorstellbar das alles doch ist, erfreut man sich an dieser kleinen Utopie. Man hinterfragt nicht, warum alles so einfach geht und für jedes Problem eine Lösung gefunden wird. Man wundert sich nicht über die Hilfsbereitschaft der gesamten Nachbarschaft. Nicht einmal über die Menschlichkeit des karikierten Kommissars Monet, der eigentlich der Böse sein müsste. Weil alles innerhalb der Realität des Films Sinn ergibt und eben nicht unwirklich, sondern seltsam logisch erscheint.


Aber nicht nur erzählerisch, auch rein “formal” betrachtet ist Le Havre ein wundersamer Ort. Ein Ort, der scheinbar komplett in Variationen aus Blau und Grau getaucht wurde. Praktisch jeder Innenraum strahlt in einem Blau-Ton von der Leinwand, der wunderbar nostalgisch und melancholisch wirkt. Dazu werden gezielt immer wieder knallig rote oder gelbe Farbakzente gesetzt, wie z.B. ein Bügelbrett, Blumen oder Kleidungsstücke. Und gibt es doch einmal ein rotes Haus in Le Havre, Yvettes Bäckerei beispielsweise, so wird die Besitzerin eben in einem blauen Kleid gezeigt, Hauptsache das Verhältnis von Hintergrund zu Farbakzent stimmt. Die Nostalgie der Ausstattung und Farben überträgt sich auf die Charaktere. Ihre Werte, die Verhältnisse der Menschen untereinander, die Humanität und der Sinn für Solidarität – all diese Dinge sind heute oft nur noch leere Worte, in Le Havre aber stehen die Figuren tatsächlich noch dafür ein. Dadurch erscheinen sie wie aus einer vergangenen Zeit, genau wie ihre Umgebung. Die Moderne ist unwichtig und wird reduziert auf den Namen von Marcels Stammkneipe “La Moderne”.

Eigentlich ist Le Havre also ein wirklich wunderbarer Film. Es sei denn, man muss ihn in der deutschen Fassung sehen. Die Synchronisation erweist sich in diesem Fall einmal mehr als das größte Verbrechen am Film. Wo man allein in den wenigen Minuten des Original-Trailers ausmachen kann, dass sich im Spiel der Schauspieler eine Ruhe, Gelassenheit und Melancholie gepaart mit leisem, aber gezieltem schwarzen Humor ausdrückt, bleibt in der Synchronfassung leider nur noch wenig davon übrig. Fast jede Zeile wirkt aufgesetzt, unnatürlich und gleichzeitig irgendwie gleichgültig. Eben so, als würde jemand versuchen, das Original nachzuahmen. Die schauspielerische Reduktion und Zurückhaltung der Figuren wird durch die unpassenden deutschen Stimmen zu reiner Emotionslosigkeit. Und so verlässt man das Kino in der Gewissheit, gerade einen wirklich großartigen Film in seiner schwächsten Variante gesehen zu haben.

Le Havre, Finnland/Frankreich/D 2011, 93′
Regie und Drehbuch: Aki Kaurismäki
Kamera: Timo Salminen
Schnitt: Timo Linnasalo
Besetzung: André Wilms, Blondin Miguel, Kati Outinen
Verleih: Pandora
Kinostart: 08.09.2011

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