L’avenir

(Frankreich/Deutschland 2016, Regie: Mia Hansen Løve) (Wettbewerb)

von Nora Nürnberger

 Dynamisch und angenehm in seiner Beliebigkeit geht L’Avenir im Stakkato-Schritt durch den Alltag der mittelalten Nathalie. Die spielt viele Rollen. Sie ist die pflegende Tochter ihrer depressiven Mutter, Ehefrau und später Verlassene, sie ist Philosophielehrerin, Publizistin, Mutter und Inspiration ihres ehemaligen Schülers. Bei allem, was sie tut, ist sie ausgesprochen nüchtern, macht gelegentlich auch einen verletzlichen, fast zerbrechlichen Eindruck.

Ein zentrales Element ist das Gehen. Die Kamera folgt Nathalie überallhin, wenn sie eilig trabt oder im Park flaniert, wenn sie einkauft oder zu ihrer Mutter läuft. Und ebenso spaziert der gesamte Film, passiert Themen, Ereignisse und Charaktere, ohne je wirklich stehen zu bleiben. Philosophen-Namen werden eingesprenkelt und doch liegen gelassen: Schopenhauer, Focault, Nietzsches Morgenröthe fallen, aber inhaltlich wird nichts mitgeliefert. „Ich habe ein erfülltes, intellektuelles Leben“, sagt Nathalie, aber das lässt sich den Dialogen nicht anmerken.

Ein politisch-motivierter Schulstreik wird angedeutet und phrasenlastig diskutiert. Mittzwanzigjährige in einer idyllischen Landkommune reden über das Leben im Kollektiv. Sie sprechen über Gemeinschaft und Probleme, verstricken sich im hohlen, intellektuellen Wortgefieder von Individuum und Gesellschaft und bleiben eher schablonenhaft.

Diese ganze Leichtigkeit wirkt entspannt, fast ein wenig poetisch an manchen Stellen, dann französisch witzig und am Ende wieder nichtssagend. Nathalies Einsamkeit transportiert eine leise Melancholie, kurz bahnt sich der Hauch einer platonischen Liebe zu ihrem Ex-Schüler an und verläuft im Sand.

Vielleicht ist gemeint, dass die Philosophie nicht unbedingt bei Hegel zu finden ist, sondern ganz alltäglich in den Straßen, auf denen die Hauptdarstellerin die ganze Zeit unterwegs ist.

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