Kopfplatzen

Der Film „Kopfplatzen“ von Savaş Ceviz versucht einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es wohl ist als Pädophiler zu Leben. Markus ist ein attraktiver 29 jähriger Architekt und gerade keine Person von der man annehmen würde, dass sie sich von Kindern sexuell angezogen fühlt. Daher kann er sich ihnen auch ohne Probleme nähern und fällt niemandem auf.  Obwohl er ganz real eine Gefahr für die Kinder in seiner Reichweite darstellt, entwickelt man während des Films durchaus Sympathien für ihn. Er ist eben nicht das Monster, als das man ihn gerne schnell abstempeln würde. Kaum jemand wird in der breiten Bevölkerung wohl so sehr verachtet wie Pädophile. In sozialen Nerzwerken wird in Kommentarspalten gerne mal die Todesstrafe gefordert. Dabei können die Betroffenen zunächst nichts für ihre sexuelle Orientierung. Sie ist genauso angeboren wie zum Beispiel Heterosexualität oder Homosexualität. Jedoch dürfen Pädophile niemals ihrem Verlangen nachgeben. Wie einsam das Leben in der Situation sein kann, vermittelt der Film sehr eindringlich. Markus trifft sich nicht mit seinen Kumpels in der Kneipe, weil sie dort Frauen kennenlernen wollen. Er erfindet als Ausrede eine feste Freundin, die zuhause auf ihn warten würde. Jedem Flirt von einem erwachsenen Menschen geht er aus dem Weg. Er hat weder wirkliche Freunde, noch hat er eine tiefere menschliche Beziehung aufgebaut in seinem Leben. Dieser nette junge Mann mit seinen gütigen traurigen blauen Augen ganz allein in seiner Wohnung erzeugt Mitleid.

Das Problem dabei ist, dass Markus sich zwar noch nicht körperlich an einem Kind vergriffen hat, aber er steht kurz davor. Er verfolgt Jungen auf ihrem Weg nach Hause, um sie zu beobachten. Seine Schubladen sind gefüllt mit Bildern von leicht bekleideten oder nackten Jungs, er macht heimlich Fotos von Kindern im Freibad. Die Situation spitzt sich zu, als er die Gelegenheit bekommt zu dem Nachbarsjungen Kontakt aufnehmen und es für ihn immer schwieriger wird  sein Verlangen zurück zu halten. Der Film ist keine Dokumentation, daher sollte er auch nicht wie eine wissenschaftliche Fallstudie betrachtet werden. Ziel des Films ist es mit den Gefühlen der Zuschauer*innen zu spielen, weil man durch die Fokussierung auf seine Gefühle Empathie mit einem Täter empfindet. Das ging bei der Filmsichtung so weit, dass einige Zuschauer*Innen im Kino scheinbar mit Markus mitfieberten, als dieser bei der Mutter des Jungen aufzufliegen droht. So überzeugend ist die Figur des Markus von Savaş Ceviz geschrieben. Sicherlich spielen dabei auch das Aussehen und der Charme eines Max Riemelt eine Rolle. Am Ende ist Markus eine etwas zu tragische Figur, für die es nur ein schlechtes Ende geben kann. Er hasst sich für seine Gefühle, er kann mit niemandem aus seiner Familie darüber reden und auch der Hausarzt schickt ihn angewidert weg. Selbst der Psychiater kann ihn nicht retten, sodass er keinen Ausweg mehr sieht. Der Film kritisiert hier eindeutig den Umgang mit Pädophilen und impliziert, dass es zu wenige Hilfsmöglichkeiten gibt. Es wäre durchaus möglich gewesen auch positive Beispiele zu zeigen. Seit einigen Jahren haben sich die Möglichkeiten für Betroffene Hilfe zu suchen deutlich verbessert.

Der Film zeigt zum Teil auch die Perspektive der betroffenen Kinder. Gerade wenn Markus als erwachsener Mann die Gefühle des Nachbarsjungen ausnutzt, der in ihm eine Vaterfigur sieht, um ihn aus sexuellem Interesse zu berühren. Besonders die Kameraperspektive trägt dazu bei, dass diese Szenen sehr unangenehm werden. Kameraeinstellungen aus der Sicht von Markus machen die Rezipienten zum ungewollten Voyeur seiner Sexualtriebe. Wie sonst bei Frauen im Film, die erotisiert werden sollen, fährt die Kamera langsam und nah über Körperteile wie Nacken, Kopfhaare oder Ohren hinweg, hier jedoch bei Kindern. Die Handlung stoppt in dem Moment und das Kind wird zum sexuellen Objekt, zu einem unwissenden und unfreiwilligem Opfer unserer Beobachtung. Sehr effektvoll wird uns als Rezipienten dadurch wieder mehr bewusst, wie falsch das gerade ist was dort passiert. Es geht aber eben nicht nur um Sex, was bei dem Thema leider sonst oft unter geht. Markus liebt den Jungen. Er liebt es ihn zum Lachen zu bringen, sich um ihn zu kümmern, mit ihm zu spielen und würde ihm niemals willentlich Leid antun wollen.  Pädophilie wird hier nicht nur auf sexuelles Interesse runtergebrochen und das ist auch nötig für die Debatte. Vielleicht sorgt der Film auch dafür, diese Menschen nicht sofort zu hassen und ihnen nur Verachtung entgegen zu bringen. Wichtiger wäre es sie dabei zu unterstützen ihr Verlangen zu kontrollieren, damit sie niemals einem Kind Schaden zufügen werden. Denn die Einsamkeit, die Angst und der Selbsthass führen sicherlich nicht zu einer Besserung. Der Film ist handwerklich nicht besonders erwähnenswert, aber das Thema bedarf mehr Aufmerksamkeit. Immerhin soll laut einer Studie mehr als etwa jeder 20. Mann pädophile Fantasien haben.

 

Deutschland 2019
Regie:Savaş Ceviz
Buch:Savaş Ceviz
Kamera:Anne Bolick
Schnitt:Frank Brummundt, Savaş Ceviz
Musik:Jens Südkamp, Savaş Ceviz
Sound:Alexander Heinze, Björn Wiese
Mit:Max Riemelt, Oskar Netzel, Isabell Gerschke
Produktion:Christoph Holthof, Daniel Reich
Produktionsfirma:kurhaus production
Verleih:Salzgeber99 Min, Farbe, DCP

 

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