Kirschblüten und rote Bohnen

Bei asiatischen Filmen übers Essen stolpert man immer mal wieder über diesen Gedanken, bei dem man sich schlecht fühlt: ist das jetzt Eurokitsch für den Exportmarkt oder “authentische” Reflexion der eigenen Kultur? Natürlich spielt das Essen beispielsweise in Taiwan eine enorme Rolle, aber rechtfertigt es das, so viele Essens-Filme zu machen? Es gibt ja auch nicht annähernd so viele Fußball-Filme aus Deutschland. Oder Bierfilme. Und da sind wir wieder beim bösen Gedanken: Essen ist für die globale Filmauswertung natürlich viel geeigneter: Es ist einfacher, sich für andere Kulturen zu interessieren, wenn man das konkret mit etwas verbinden kann; nach dem japanischen Film zum Asiaten zu gehen beispielsweise. Andererseits (und das ist der kleine Bruder des bösen Gedanken) ist es wirklich interessant anzusehen, auch wenn es auf die Dauer nervt, wenn die komplette Lebensphilosophie in ein Stück Speise gelegt wird, auf deren Zubereitung so viel Leidenschaft und Energie verwendet wird.
Naomi Kawases neuer Film macht da keine Ausnahme: Um seine Schulden abzubezahlen, übernimmt Sentaro einen Imbiss, in dem er Dorayaki-Pfannkuchen verkauft, die mit süßer Rote-Bohnen-Paste gefüllt sind. Das Geschäft läuft so mittel, es interessiert ihn auch nicht sonderlich, er ist aber trotzdem ein netter Typ. Und mit zahlreichen Kirschbäumen ist die Gegend, in der der Kiosk steht, auch pittoresk abzufilmen. Eines Tages taucht die ältere Tokue bei ihm auf und möchte mitarbeiten. Darf sie auch und natürlich zeigt sie ihm, was für ein großartiges Gericht diese einfache Speise sein kann, wenn man ihr nur genügend Aufmerksamkeit zuteil werden lässt. Hat man schon häufig gesehen in asiatischen Essfilmen: wie man aus einem einfachen Gericht mit viel Aufmerksamkeit etwas ganz Besonderes machen kann. Und natürlich haben sie damit gleich den großen Erfolg, der Laden brummt. Und natürlich gibt es dann auch gleich die Rückschläge: die Chefin hat sich was anderes vorgestellt …

Doch ganz allmählich schiebt der Film sein zweites Thema in den Vordergrund, fast so, als wären die roten Bohnen bloß das trojanische Pferd. Denn Tokue ist an Lepra erkrankt und darf eigentlich nicht bei der Essenszubereitung arbeiten. Der Film entwickelt nun nicht nur die Geschichte der japanischen Leprakranken, ihre Stigmatisierung und Isolierung, sondern konfrontiert die Zuschauer nun nach den zuvor so sinnlichen Essensbildern mit nicht weniger gefühlserregenden Aufnahmen von Leprakrankheit. Der unaufgeregte Ton des Films bleibt, und so hat man es auf einer Metaebene schon fast mit einer Abhandlung über das haptische Kino zu tun. Regisseurin Naomi Kawase gelingt es in ihrem Film, das Publikum mit dem Thema des Essens lange Zeit in Sicherheit zu wiegen, um dann ein Thema zu platzieren, das deutlich seltener und sicherlich kaum so verklärt angegangen wird.

An, J/F/D 2015, 113’
R+B: Naomi Kawase
mit Kirin Kiki, Masatoshi Nagase
Im Verleih der Neuen Visionen, Bundesstart: 31.12.2015

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