Kino der Restauration

Jupiter_KloDer wahrlich desaströs schlechte Jupiter Ascending von den Wachowskis erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die einmal ihr Leben hasste. Nach allerlei halsbrecherischem Stolpern durch eine Lasershow (und das Drehbuch) landet sie dann dort, wo sie scheinbar hingehört: auf den Knien vor einer Toilette, diese fröhlich putzend, ständig meckernden Familienmitgliedern gut gelaunt den Kaffee reichend. Ein scharfer Kontrast zur eingangs formal spektakulär vergeigten Montage, in der sie selbiges mürrisch vollzieht. Stichwort: „I hate my life“.

Die Action im Film dient als nervöser Gegenpol zur Genugtuung der ruhenden Normalität, der fremdinduzierten Selbstinstallation in ein Dasein, von dem die entthronte Bienenkönigin wohl nichts mehr zu erwarten hat. Dabei gehört ihr am Ende gleich die ganze Welt [sic!]. Die Formel dieses kontemporären Kinos, das mit der schnellen und wunderbar chaotisch-bunten Welt wohl überfordert ist, lautet: Ein Ausflug in die aufregende, aber hundsgemein kalte und gefährliche Welt ist erlaubt, wenn man am Ende zurückkriecht in den Schoß einer entarteten Generation X, die ganz klare Grenzen setzt. Dabei ist die Familie an sich nicht das Problem, sondern deren Emporhebung zur Leitinstanz und ihre Primärfunktion als Hort des Rückzugs.

Ungebremste Kniefälle vor der ehrfürchtigen Vergangenheit erzeugen beängstigende Kunst. Dass er „mit allem Recht“ hatte, flötet etwa Sohn Adam in Robert Lucetics Rohrkrepierer Paranoia zu seinem Vater, der sich in seiner Siffbude zu Tode raucht. Auch hier wieder, der Ausflug vor dem Rückzug in den Status Kuschelweich: Karrierebesessen mäandert der junge technikaffine Visionär des Mobilfunks durch die Hochs und Tiefs des Erfolgs, gerät zwischen die Fronten zweier kriminell-konkurrierender Telekommunikationsunternehmer und lernt, wie diabolisch manche Bewohner unseres kleinen Felsbrockens doch sind und wie ansteckend die Illegalität sein kann. Nach ganz vielen Metern schlechtem Film sitzt Adam dann mit seinem Daddy beisammen, befreit von den passgenauen Kleidern der Unterdrückung, bereinigt vom Karrieretrieb und schaut fremden Kindern beim Baseball spielen zu [sic!]. In diesem Moment ist der Hammerfall die szenische Schmatzigkeit, die Worte zum Vater der Nagel, der sich tief in das rezeptive Schmerzzentrum bohrt.

Dieses Kino ist jedoch kein absolut dichotomes, sondern funktioniert wie eine sterbende Amplitude: Ruhe – Wellenform – Ruhe. Fin. Ruhe meint keineswegs ruhige Bilder, sondern stagnierende Biographien. Besonders die Avengers werden in Whedons zweitem Superheldenamoklauf auf eine Art in die Diegese geworfen, die so gar nicht still und leise daherkommt. Im Gegenteil: Es rummst und flackert über die Maßen gewaltig. Aber auch hier: Rückzugsphantasien! Die eine will sich mit einem anderen zurückziehen, irgendwohin, hauptsache weg von allem, ein wiederum anderer spricht zärtlich vom Zuhause, der Ort, an dem die Frau mit Kindern und Babybauch brav wartet und Holzhacken in der Natur manch psychische Wunde heilt. Der eigentliche Verlierer im Kampf gegen Ultron ist die ehemals personifizierte Coolness, die mit ihren ungeliebten und natürlich harsch getadelten Visionen der Welt fast den Stecker zieht.

Vergleichsweise hart fällt das Strafmaß für Konventionsbrüche auch in Rob Marshalls Into The Woods aus. Nach einem Seitensprung im Wald, der klischeestrotzend als weibliche Gier nach adeligen Lenden inszeniert wird, fällt sie aus dem Film heraus, während er weiter Liedchen singen darf. Gezeigt als ein angedeuteter, jedoch faktisch vollendeter Sturz in einen Abgrund, wird der Frau die Daseinsberechtigung in diesem Film entzogen, während Prinz Charming (auch hier wieder: [sic!]) schürzenjagenderweise durch die Lande ziehen darf. Am Ende arrangieren sich ein Großteil der übrig gebliebenen als Familie und residieren bis ans Ende ihrer Tage in der Nullzone des Lebens. Keine Kuhhaut ist groß genug für diesen Film.

Das Kino der Restauration ist ein Kino des Stillstandes und der Versöhnung mit dem Alten. Diese Versöhnung ist jedoch kontaminiert von einer pathologischen Kontrollsucht. Die Folge für die Kultur: Ausbrecher werden mit einer semantischen Schere zurechtgestutzt. Ausnahmen wirken da regelrecht erlösend: Wenn ein Andrew in Damien Chazelles Whiplash trommelt bis er schwitzt und blutet, dann sind Schweiß und Blut der Nektar eines Kampfes gegen ein konstruiertes, protonormalistisches Mittelmaß. Wenn Andrews Vater im gewaltigen Schlussakt seinen Sohn, der sich der Nestwärme verweigert, aus der Ferne beobachtet und am zentralen Durchbruchsmoment dessen Lebens partizipiert, dann ist das eine Szene der Resignation und Anerkennung eines jungen Wilden, der mehr vom Leben will, als er zu wollen hat. Und ein letztes Wenn sei an dieser Stelle noch erlaubt: Wenn das mal nicht besser ist als wiederbelebte Tropen, die direkt aus einem 50er Jahre Werbespot von Dr. Oetker stammen könnten. Denn allzu groß ist der Unterschied zwischen „sie darf backen“ und „sie darf den Locus schrubben“ nicht.

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