KING’S SHIFT

Heiligabend in einer litauischen Privatklinink. Es ist Schichtwechsel. Die Bediensteten treten ihre Arbeit in einer Nacht an, in der gewohnheitsgemäß nicht viel passiert. Da ist es auch nicht schlimm, dass die Krankenpflegerin Julija (Aiste Dirziute) zu spät erscheint, denn bei zwei Patienten wird es für sie nicht viel zu tun geben.
Der Einzige, der seine Tätigkeit ernst zu nehmen scheint, ist der junge und unerfahrene Polizist Kastytis (Vainius Sodeika), der einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher aus dem zweiten Weltkrieg bewachen muss. Seine Schicht ist längst vorüber, doch es erscheint niemand, um ihn abzulösen. Seit 24 Stunden ist Kastytis nun bereits im Dienst, wodurch er zunehmend mit Müdigkeit und Hunger zu kämpfen hat. Hinzu kommen die ständigen Schikanen des Security-Mitarbeiters, die aus ihm eine tickende Zeitbombe machen und seine Urteilskraft trüben. Ohne die Sinnhaftigkeit seiner Arbeit zu hinterfragen, setzt er alles daran, den komatös bettlägerigen Verdächtigen zu beschützen, was in solchen Momenten zu Konflikten führt, in denen sein erhaltener Befehl die Pflichten der anderen Bediensteten durchkreuzt. Die Situation eskaliert als ein anderer Patient der Klinik ein Medikament benötigt, welches zur Lebenserhaltung dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher vorbehalten ist. Ironischerweise ist jedoch nur noch eine Ampulle übrig, wodurch schlagartig die Frage im Raum steht, wessen Leben wichtiger und damit erhaltenswerter erscheint. Für Kastytis ist die Frage im Sinne seiner Anordnung und entgegen jeglicher Moral umgehend beantwortet, was er mit aller Gewalt durchzusetzen versucht.kp15-carreAuf den ersten Blick geht es in Kings’ Shift um den Konflikt von bedingungslosen Gehorsam und dessen moralischer Widersetzung, was auf mehreren Ebenen verhandelt wird. Zum einen wird dieser Zwiespalt durch den Charakter von Kastytis gespiegelt, der als noch sehr junger Polizist alles richtig zu machen versucht. Zum anderen verweist ebenso die Figur des mutmaßlichen Massenmörders auf diesen Konflikt, der stets als Schutznische für Kriegsverbrecher fungiert, um die eigene offensichtliche Involviertheit abzuschwächen.
Auf den zweiten Blick greift diese Sichtweise jedoch zu kurz, da sie nur einen Teilaspekt der Aussagekraft des Films spiegelt. Mit ruhigen Kamerafahrten führt uns Regisseur Ignas Miskinis in ein Kammerspiel ein, indem jeder seiner Charaktere mit inneren Konflikte zu kämpfen hat, die unterschwellig die bedrückende Atmosphäre in der Klinik mitgestalten. Mit Verachtung begegnen die Charaktere den jungen Polizisten aufgrund seines Gehorsams, ohne dabei die eigene Situation zu reflektieren. Jeder von ihnen führt einen Befehl aus, der vor dem Hintergrund, dass die Klinik in dieser Nacht wie leergefegt ist, absurd erscheint. In gleicher Weise, wie Kastytis einen Verdächtigen bewacht, der sein Krankenbett nicht verlassen kann, beaufsichtigen die Mitarbeiter der Security eine Klinik, in der alles ruhig ist und der Arzt wandelt ohne einen wirklichen Patienten durch die Gänge. Ihre Anwesenheit scheint lediglich angeordnet, ohne Resultat eines tieferen Sinns zu sein. Regisseur und Drehbuchautor Ignas Miškinis gelingt es so, fernab von dem inhaltlich forcierten Konflikt, den Zuschauer selbst zur Reflexion der eigenen Situation anzuregen.
Wo ist man selbst in Machtstrukturen eingebunden, die einem Handlungen vorgeben? Und wie möchte man dem daraus resultierenden Druck begegnen?

30. Filmfest Braunschweig, Sektion: Neues Internationales Kino
KING’S SHIFT, Litauen 2016, 103′
Regie: Ignas Miškinis
Buch: Saulius Drunga, Ignas Miškinis
Kamera: Rolandas Leonavičius
Darsteller: Vainius Sodeika, Aistė Diržiūtė, Paulius Ignatavičius
Verleih: Reel Suspects

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