Kindermund tut Wahrheit kund…

Die Jagd PlakatThomas Vinterberg kehrt in seinem siebten Film Die Jagd (DK/S 2012) zu seinen Wurzeln zurück und zeigt, dass er keine Scheu hat vor gesellschaftlich schwierigen Themen. Wie schon in Das Fest, widmet er sich erneut dem Thema Kindesmisshandlung. Doch diesmal erzählt er aus der Sicht des vermeintlichen Täters und dessen langsame gesellschaftliche Ausgrenzung.

Lucas (Mads Mikkelsen) ist eigentlich Grundschullehrer. Doch nachdem diese in dem kleinen dänischen Örtchen geschlossen wurde, arbeitet er nun als Kindergärtner. Gesellschaftlich ist er etabliert: Er geht zur Jagd, besucht die regelmäßigen Männerrunden, ist im Ort beliebt und die Kinder vergöttern ihn. So auch die Tochter seines besten Freundes. Wenn ihre Eltern sich mal wieder streiten, nimmt er sie der Einfachheit halber mit in den Kindergarten oder begleitet sie vom Supermarkt nach Hause, wenn sie sich wieder einmal verlaufen hat. Doch dann wird Lucas eines Tages in das Büro der Kindergärtnerin gerufen. Er wird mit der Tatsache konfrontiert, dass er angeblich einem der Kinder sein entblößtes Glied gezeigt haben soll. Man rät ihm, sich besser einige Tage frei zu nehmen. Und da Kindermund bekanntermaßen Wahrheit kund tut, wird diese Aussage in keinster Weise angezweifelt. Auch nicht, nachdem die kleine Klara zugibt gelogen zu haben. Der Psychologe sieht dies als Teil ihrer Angst und als Verdrängungsritual. Langsam aber sicher wird Lucas, der gar nicht erst versucht sich zu rechtfertigen, aus der Gesellschaft ausgegrenzt …

Die Jagd

Der Film beginnt und endet mit einer Jagdszene, in denen Wild geschossen wird. Zwischen diesen Szenen gibt es allerdings auch eine Jagd. Die Jagd auf einen Unschuldigen. Lucas. Das war es aber auch schon an metaphorischen Bildern, die in Thomas Vinterbergs neuen Film Die Jagd zu finden sind. Und dennoch gelingt es ihm mit nüchternen Bildern den Spannungsbogen von Szene zu Szene weiter zu spannen, bis zum großen Showdown am Heiligabend in der örtlichen Kirche. Dort werden alle aufgestauten Emotionen und Spannungen mit einem Mal entladen.

Die JagdVinterberg richtet mit dem Film den Blick auf die Abgründe unserer Gesellschaft, die urteilt, ohne auf Beweise zu warten, vor allem wenn es um das äußerst sensible Thema der (eigenen) Kinder geht. In diesem Fall verzichtet man oft auf Beweise, denn schließlich heißt es doch „Kindermund tut Wahrheit kund“. Eine medizinische Untersuchung Klaras wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Dass sie gelogen haben könnte, wird in keiner Sekunde in Frage gestellt und das, obwohl sie für ihre blühende Fantasie bekannt ist. Für Lucas ist Klaras Aussage der Anfang vom Ende: Sein bester Freund wendet sich verständlicherweise von ihm ab, der Geschäftsführer des Supermarktes erteilt ihm Hausverbot und auch seine neue Freundin, die anfangs noch hinter ihm stand, zweifelt mehr und mehr an seiner Glaubwürdigkeit. Nur sein Sohn und dessen Taufpate stehen noch hinter ihm.

Die Jagd

Vinterberg beschönigt in seinem Film nichts. Er zeigt ein klares Abbild der Realität und konfrontiert den Zuschauer permanent auf subtile Art mit der Frage: Wie würde man selbst reagieren? Würde man dem Kind glauben? Auch wenn es keinerlei Beweise gibt? Man merkt, wie man selbst hin und hergerissen ist.

Die Jagd 2Die Jagd ist im Kern genauso gesellschaftskritisch und verstörend, wie einer von Vinterbergs ersten Filmen: Das Fest. Er verdeutlicht die gesellschaftliche Hilflosigkeit gegenüber dem Thema der Pädophilie und zeigt, dass die Gesellschaft nie vergisst. Wenn einmal das Image angekratzt ist, tut die Wahrheit am Ende nichts mehr zur Sache. Das muss auch Lucas feststellen, der trotz „Freispruch“ nur schwer zurück ins Leben findet…

Jagten, Dänemark/Schweden 2012, 115′
Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Tobias Lindholm, Thomas Vinterberg
Kamera: Charlotte Bruus Christensen
Darsteller: Anne Louise Hassing, Thomas Bo Larsen, Alexandra Rapaport, Mads Mikkelsen
Verleih: Central Film / Wild Bunch
Kinostart: 28. März 2013

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