Kind 44

Von Klaus Baalmann
w964Der Politthriller Kind 44 von Daniel Espinosa ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Tom Rob Smith und der erste Teil einer Trilogie, die auf dem fiktiven Kriegshelden und Geheimdienstoffizier Leo Demidow basiert. Der Film spielt in der Sowjetunion, acht Jahre nach der Schlacht um Berlin, zu dessen Ende die Hauptfigur die rote Fahne über dem Reichstag gehisst haben soll. Demidow ist mittlerweile zu einem hochrangigen Mitglied des Ministeriums für Staatssicherheit aufgestiegen. In dieser Funktion muss er mit ansehen, wie der Mord an dem Sohn seines Offizierskollegen und einstigen Kriegskameraden Alexei als Unfall abgetan wird. Als er anfängt Nachforschungen zum Tod des Jungen anzustellen und realisiert, dass es sich um einen Serienmörder handelt, häufen sich seine Probleme und Widersacher.

Der für Kind 44 zentrale Satz „Im Paradies gibt es keinen Mord“ ist dabei nicht nur dem Film vorangestellt, sondern auch Bestandteil der politischen Argumentation der Stalin-Ära. Die linientreuen Akteure, welche diese Aussage nutzen, wollen damit auf Morde als rein kapitalistisches Problem verweisen. Da es diese Taten also nicht geben darf, werden sie vertuscht oder ohnehin verfolgten oder wehrlosen Minderheiten angehängt.

Gerade der Kontrast zwischen Leos Willen zur Aufklärung und der Vertuschung um jeden Preis durch seinen ärgsten Konkurrenten Wassili ist es, welcher ausgehend von den Morden den Film prägt. Auch die von der Haupthandlung ausgehenden anderen Erzählstränge verbinden sich mit diesem vor allem durch den Konflikt zwischen der Linientreue und den staatlichen Mitteln einerseits sowie der Nonkonformität und dessen schweren Folgen andererseits. Eine Veränderung tritt erst durch den Wechsel der politischen Führung ein.

Der Film orientiert sich bei verschiedenen Punkten an reellen Gegebenheiten. So basiert etwa die zentrale Geschichte auf den Taten der „Bestie von Rostow“. Der so bezeichnete Andrei Tschikatilo mordete zwar über 25 Jahre später als es in Kind 44 dargestellt wird, doch wurde er aufgrund ähnlicher Vorgehensweisen erst nach der Auflösung der Sowjetunion gefasst und verurteilt. Des Weiteren wird zu Beginn des Filmes auch der Holodomor dargestellt, eine 1932 und 1933 herrschende Hungersnot in der Ukraine. Demidow geht aus eben dieser Katastrophe als Waise hervor. Trotz einer teilweisen Prägung durch Vorstellungen, Rhetorik und Feindbilder aus der Zeit des Kalten Krieges scheint der Film nicht übertrieben. Leos Leben in Moskau wird vielleicht etwas zu gut und die Stadt seines Exils, Wualsk, dafür etwas zu dystopisch dargestellt, doch werden Vorteile der Linientreue somit verdeutlicht.

Insgesamt wirken die nicht-fiktionalen Anteile in Kind 44 gut recherchiert. Dies zeigt sich neben den eben genannten Punkten auch an bestimmten Details. So trug zum Beispiel derjenige Soldat, welcher die Rote Flagge über dem Reichstag hisste, ebenso wie im Film erwähnt, mehrere Armbanduhren toter deutscher Soldaten am Handgelenk. Aus dem berühmten Foto wurden diese später heraus retuschiert.
137281166_8ad37c5d63-1024x576Espinosa scheint die damaligen Zustände dabei kritisch zu betrachtet, ohne sie übermäßig negativ darzustellen. Trotzdem wurde dieses Werk in Russland als diffamierend angesehen. Laut dem Minister für Kultur der russischen Föderation stelle er die Stalin-Ära zu negativ dar, verzerre die Geschichte oder lege sie falsch aus. Zudem lasse er Russland „wie Mordor“ und dessen Bewohner und die Soldaten „wie Orks und Ghule“ wirken. Daher zog man die Vorführgenehmigung des Films in russischen Kinos zurück. Des Weiteren sprach der Minister davon, dass seinem Land eine Vernichtung drohe, wenn nicht eine eigene und einheitliche russische Geschichtsschreibung an die Stelle der von ihm als Lügen und Verleumdungen durch Außenstehende benannten Aussagen trete.

Da die Romanvorlage und somit auch der Film jedoch auf fundierter Forschungsliteratur zu russischer Geschichte basieren, scheint es sich bei den Anlehnungen aber keineswegs um Unwahrheiten, sondern allerhöchstens um westlich geprägte Überspitzungen bestätigter historischer Fakten zu handeln. So ist zum Beispiel die Schuld Russlands am millionenfachen Hungertod der ukrainischen Bevölkerung längst nachgewiesen, wird jedoch vom russischen Staat nicht anerkannt. In Anbetracht des Ukraine-Konflikts war dies eventuell ein weiterer Grund für das erteilte Verbot. Auch die Begründung, man wolle durch die Zensur das Andenken der Veteranen schützen, steht dabei nachgewiesenen Handlungen der damaligen Soldaten und einer nicht wirklich drastischen Darstellungsweise gegenüber. Zudem muss man natürlich auch bedenken, dass Kind 44 wahrscheinlich trotz aller Orientierung an historischen Gegebenheiten eher als fiktives Konstrukt denn als historisches Dokument aufgefasst worden wäre. Die abweichende Darstellungen der reellen Orte lassen sich zudem auch dadurch erklären, dass eine Drehgenehmigung für diese Schauplätze nicht erteilt wurde und daher auf andere Orte und Mittel zurückgegriffen werden musste.

Während im Film also die Tatsache, dass es eben doch Morde in der Sowjetunion gibt verdrängt wird und jede zum System nonkonforme Person mit Verfolgung rechnen muss, so ist es nun die zum Selbstbild des heutigen russischen Staates konträre Geschichte die zurückgehalten werden soll. Das Opfer der Zensur ist dabei die selbstkritische, differenzierte russische Geschichtsschreibung, die scheinbar durch blinden Nationalstolz ersetzt werden soll. Kind 44 kann daher nun auf doppelte Weise als ein Zeugnis der staatlichen Verdrängung gesehen werden.

Zum Schluss bleibt zudem die Frage, ob sich der russische Staat mit der Zensur nicht einen Bärendienst erwiesen hat, da der Film nun sicherlich mehr Aufmerksamkeit erlangt, als es ohne das Verbot der Fall gewesen wäre.

„Kind 44“, USA/UK/Tsch./Rum. 2015, 137′
Regie: Daniel Espinosa
Drehbuch: Richard Price
Produzent: Ridley Scott
Kamera: Oliver Wood
Darsteller Tom Hardy, Gary Oldman, Joel Kinnaman, Noomi Rapace
Verleih: Concorde
Kinostart: 04.06.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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