Kate Plays Christine

Sektion: Forum / R: Robert Greene / USA 2016
KpC

Medien bedienen einen gesellschaftlichen Voyeurismus – so eine brachiale und etwas angestaubte These. Das Fernsehprogramm hebe insbesondere die gewaltvollen und blutgetränkten Lokalnachrichten hervor, das Kino stelle Weiblichkeit als Bild und Attraktion aus. Diese These vertritt auch Kate Plays Christine, argumentiert sie aber weder medienontologisch noch etwa psychoanalytisch-feministisch, sondern filmperformativ: Die Jungschauspielerin Kate Lyn Sheil recherchiert für eine neue Rolle die Hintergründe um die Fernsehjournalistin Christine Chubbuck, die 1974 vor laufender Kamera ihren Selbstmord beging. Diese Geschichtsarbeit wird für Kate schnell zur eigenen Identitätssuche, der Film vermischt die beiden Personae und vollführt in klassischer Film-im-Film-Manier vermeintlich große reflexive Gesten. All das sind bekannte Versatzstücke, die mit weiteren Klischees angereichert werden: Recherchieren heißt für die diegetischen Figuren nämlich Bücher mit plakativen Titeln wie ‘Suicide’ zu lesen oder die Moden der 70er über das exzessive Tragen von Mom Jeans aufleben zu lassen.

Der Wunsch nach Gewaltdarstellung, die mit einer bestimmten Codierung von Weiblichkeit zusammenfällt, speist sich nun aus dieser Trivialität des Film: Bereits die erste Filmeinstellung kündigt bereits jenes an, was filmdiegetisch absent bleiben soll. Das historische / authentische Filmmaterial von Chubbuck bleibt unsichtbar, sondern wird durch eine Performance von Kate nachgestellt, die in eine spezifisches Videorauschen und -flakern eingelassen ist und über die ästhetische Differenzierung dadurch eine besondere Akzentuierung erfährt. Dieses Reenactment bildet nun den strukturellen Rahmen: Der Film wählt hier seinen Ansatzpunkt, ruft diese Bilder während seiner Laufzeit kontinuierlich auf und kehrt abschließend wieder zu ihnen zurück. Dadurch, dass der somit gerahmte filmische Gehalt jedoch derart ermüdend, tröge und belanglos ist, wünscht man sich den diegetischen Selbstmord tatsächlich möglichst schnell herbei, da dieser automatisch das Ende das Films zu bedeuten hat. Wer im Umfeld des Berlinale Forums gegenüber dem restlichen Publikum seinen cinephilen Eindruck wahren will, wartet also ab und hofft auf den erlösenden Schuss, der über unzählige Abbrüche durch Kate herausgezögert wird. Letzten Endes kommt ihr Revolver jedoch zum Einsatz, genauso wie die Moralkeule: Ein direkter Figurenblick in den Zuschauerraum wird beantwortet vom Blicken des Publikum in den auf sie gerichteten Pistolenlauf. Über eine direkt adressierende Rede wird ein lustvolles Beobachten von Gewalt angeklagt, während die Schusswaffe den Ort einer solchen Gewalt verschiebt.

Die Qualität von rund 110 Filmminuten intendiert zu dämpfen, um dadurch eine moralisierte Botschaft zu propagieren erscheint zwar als ein recht aufopferungsvolles Vorhaben, trägt aber nicht sonderlich viel, da die finale These reichlich platt bleibt. Schade eigentlich, da der Film abseits seiner Film-im-Film-Thematik vielmehr durch eine beiläufige Darstellung von alltäglichen Ideen von Geschlecht und Sexismus überzeugen könnte. Anstatt also so viel in Kates blutbespritztes Leichengesicht zu investieren, wäre es lohnenswerter sich vielmehr an ihren blassen Teint zu erinnern und die Art und Weise wie sie sich im Solarium für ihr Erscheinungsbild entschuldigt.

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