Kanarie

Queere Dramen zu Selbstfindungsprozessen und unterdrücken Coming-outs in homohoben Zivilisationen, gibt es in der Kinolandschaft bereits viele. Kanarie, eine kanadische Filmproduktion von 2018, überholt dieses Narrativ und setzt ihm seine eigenen Bildwelten entgegen, ohne sich den Inhalten des Narrativs vollständig zu entziehen.

Der Film spielt im Südafrika von 1985 zu Hochzeiten der Apartheid. Johann Niemand ist Kind der New Wave und hört den ganzen Tag Kate Bush, David Bowie, Boy George und Bronski Beat. Als er zum Wehrdienst eingezogen wird, wird er Teil des militärischen Männerchors Kanarien. So kann er sich, zumindest teilweise, der Pflicht entziehen und seiner Leidenschaft der Musik nachgehen.

Trotz des Backdrops der Apartheid, wird erstaunlich konsequenzlos der Rassismus und die Segregation der Zeit überblendet. Es bleibt bei kurzen, wenn auch teilweise recht starken Szenen, in denen nicht nur das Vorgehen des Militärs, sondern auch gleichzeitig das Handeln, beziehungsweise das Nicht-Handeln der Kanarien hinterfragt wird, die die Segregation durch ihre Handlungen unterstützen. Viel mehr möchte das queere Drama über Johann Niemand aber über ethnische Segregation nicht erzählen, wodurch zumindest an einigen Stellen der Schale Geschmack der Schuldentziehung bleibt. Salopp und polemisch überspitzt zusammenfasst entsteht der Eindruck, dass der weiße Johann Niemand anscheinend schon genug mit eigenen Selbstfindungsproblemen zu tun hat, und sich daher nicht noch um den Kampf gegen die Apartheid kümmern kann. Aber dieses polemische Urteil kann nicht so stehen gelassen werden, wäre sie doch dem Film unfair gegenüber. Nicht jeder Film muss schließlich gleich alle interesektionalen Probleme lösen.

Der Film lebt von seinen starken Charakteren und Schauspielern. Johann Niemand wird, passend zur Handlung und zu seinem Namen, zunächst von anderen Figuren in den Hintergrund gedrängt. So reißt sich sein Kompagnon Ludolf ab der ersten gemeinsamen Szene die Zuschauersympathien unter den Nagel und gibt sie nicht wieder her. Herrlich übertrieben wuselt er durch das Bild und stellt mehr als einmal seine fantastische Gesangsstimme unter Beweis. Johann Niemand hingegen funktioniert in ständig unter Repressionen stehenden Art besonders an den Stellen, an denen er auszubrechen vermag. Dann zieht der Film alle Register und schmeißt die kunterbunte Bildorgel an, die von starken Eighties Songs angekurbelt wird. Besonders zum Ende hin wird der Film in solchen Szenen besonders aggressiv in Schnitt und schauspielerischer Performancekunst und zeigt somit eine bildgewaltige Dissonanz zwischen dem was Johann Niemand tief im Inneren eigentlich möchte und dem, was er bekommt.

Kanarie ist ein bunt-queerer Film der in seiner Inszenierung oft an Filme von Wes Anderson erinnert. In seinen stärksten Szenen holt er den Kanarienvogel aus seinem erdrückendem Käfig. In seinen schwächsten Szenen behauptet er, Kameradschaft und das militärische System helfen auch queeren Personen bei ihrer Selbstfindung.

Kanarie ist auf dem Internationalen Filmfest am 20.11. um 19:15 Uhr zu sehen.

Kanarie, ZAF 2018, 123 Min.
Regie & Drehbuch: Christiaan Olwagen
Kamera: Chris Vermaak
Schauspieler*innen: Schalk Bezuidenhout, Hannes Otto, Germandt Geldenhuys
Verleih & Bildrechte: Salzgeber

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>