Just the Wind

Einen ganzen Tag lang folgen wir einer Roma-Familie, die in einem Wald in Ungarn wohnt. Vom Aufstehen, dem Weg zur Schule, zum Arbeitsplatz, über das Herumstreunen im Wald bis zum Schlafengehen, stellt uns der ungarische Regisseur Benedek Fliegauf die Protagonisten seines Films vor. Es ist Sommer, die Bäume rascheln im Wind, Shampoo löst sich langsam im Wasser eines Sees auf und die Strahlen der Sonne brechen sich im Objektiv der Kamera. Aber es ist nicht nur die Hitze, die drückt, oder die Armut, die einen Großteil des Tagesablaufes bestimmt, über der Szenerie liegt drohend die Angst: Fünf Roma-Familien wurden in diesem Sommer bereits von ungarischen Rassisten brutal ermordet. (Und Fliegaufs Film liegt eine reale Mordserie zugrunde, der 2008 und 2009 acht Menschen zum Opfer fielen.) Es gibt eine Bürgerwehr, die das Gebiet der Familien, die in dem Wald wohnen, bewachen, aber der Rassismus, dem die Familienmitglieder immer wieder während ihres Tagesablaufs begegnen, macht deutlich, dass ein paar Wachen hier nichts ausrichten können. Hass und Ablehnung sitzen tiefer.

Es ist der Verdienst des Films, die Bedrohung nicht explizit und durchgehend zu zeigen. Der Film gehört den Roma und konzentriert sich auf die Tagesroutine, wovon das Umgehen mit Angst und Lebensgefahr ein Teil ist. Der tägliche Weg von ihrem Haus im Wald zur Schule und Arbeit in der Stadt ist gespickt von Anfeindungen und Beleidigungen, alltäglichem Rassismus. Die Mordserie ist nur in ihrer Drastik eine Ausnahme, akzeptiert werden die Roma sonst auch nicht.

Am Schluss ist es aber doch mehr als bloß der Wind, der sie aus dem Schlaf reist. Und hier wird dann auch das Problem des Konzepts offenbar: wie löst man solch einen Tag auf? Auf die Explosion der Gewalt zu verzichten, hieße, sie eventuell doch als Phantom wahrzunehmen; ist ein Leben in Angst doch besser als ermordet zu werden. Andererseits stellt die Mordaktion am Schluss die Bedrohung und die Atmosphäre, die der Film so gelungen herausgearbeitet hat, in den Schatten, da er diese in seiner Drastik notwendigerweise überdecken muss. Es zeichnet Benedek Fliegauf aus, sich dieser Situation zu stellen, und sein Film wird damit einer der inhaltlich gelungensten und formal interessantesten, die dieses Jahr ins Kino kommen.

Czak a szél, Ungarn/Deutschland/Frankreich 2012, 98’
Regie & Buch: Benedek ‚Bence‘ Fliegauf
Kamera: Zoltán Lovasi
Darsteller: Lajos Sárkány, Katlin Toldi, Gyöngyi Lendvai
Verleih: Peripher
Kinostart: 18.7.2013

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