Jodaeiye Nader az Simin (Berlinale)

Sektion: Wettbewerb / Nader and Simin, a Separation /
Regie: Asghar Farhadi / Iran 2011 / 123′

Der Anfang: eine Frau und ein Mann sitzen nebeneinander in einem Büro. Sie streiten, die Kamera ist frontal auf sie gerichtet. Schon in den ersten Sätzen erfahrt man, worum es im Kern des Films gehen wird. Nader und Simin wollen sich scheiden lassen. Das heißt, eigentlich scheinen sie es eher als einzige Lösung zu sehen, denn ursprünglich wollten sie das Land gemeinsam verlassen. Da Naders Vater aber an Alzheimer erkrankt ist, fühlt sich der Sohn dazu verpflichtet, bei ihm zu bleiben, um sich um ihn zu kümmern. Simins Entschluss steht trotzdem fest. Sie verlässt ihren Mann und ihre 11jährige Tochter, um zunächst bei ihrer Mutter zu leben. Das geschieht ohne große Worte des Abschieds und wirkt ziemlich kalt. Später wird allerdings klar, dass sie von ihrem Mann eigentlich einfach gerne hören würde, dass sie nicht gehen soll, dass ihm die Ehe nicht egal ist und dass er eine Scheidung nicht einfach so hinnehmen will. Ihm selbst wird das leider nicht klar.

Am Ende muss sich die Tochter entscheiden, bei wem sie in Zukunft leben möchte. Sie wird mit dieser Entscheidung allein gelassen, so wie sie vorher allein gelassen wurde. Damit gehört “Jodaeiye Nader az Simin” zu einer ganzen Reihe von Filmen auf der diesjährigen Berlinale, die direkt oder indirekt schwierige Beziehungen zwischen Eltern und Kindern thematisieren. Zum einen gibt es da die Geschichten, in denen Kinder von ihren Eltern getrennt bzw. allein gelassen werden, sei es freiwillig oder aufgrund höherer Mächte (“Day is done”, “Eighty Letters”). Zum anderen werden Eltern gezeigt, die ihre Kinder nicht verstehen oder sich wenig um sie kümmern (“Swans”, “Suicide Room”).
Im Filmtitel versteckt sich in diesem Fall nicht nur die Trennung von Nader und Simin, sondern auch die Trennung eines Elternteils von der gemeinsamen Tochter.

Im Zentrum des Films steht aber neben dem Zerfall der Familie etwas völlig anderes. Schon nach ungefähr 45 Minuten kippt der Film und es geht nicht mehr nur um die Trennung, sondern in erster Linie um einen bestimmten Vorfall, der enorme Konflikte herbeiruft. Nader soll seine Haushaltshilfe die Treppe heruntergestoßen haben, woraufhin diese ihr ungeborenes Kind verlor. Interessant ist, dass genau diese Szene dem Zuschauer verborgen bleibt. Man sieht den Streit zwischen Nader und seiner Haushaltshilfe, man sieht auch wie sie etwas später von der Treppe aufsteht, der entscheidende Punkt dazwischen bleibt aber verborgen. In den folgenden Diskussionen und Verhandlungen weiß man daher nicht, wem man glauben soll, welche Figuren vertrauenswürdig sind und welche nicht. Die Wahrheit bleibt lange unklar, es ergeben sich aber nach und nach neue Erkenntnisse. Die Charaktere sind allesamt verzweifelt und mit ihrer jeweiligen Situation überfordert. So schwankt die Handlung immer zwischen Lüge und Wahrheit.

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