Jenseits der Hügel

Ein flüchtiger Moment, der zunächst nicht besonders signifikant erscheint und erst im Nachhinein an entscheidender Bedeutung gewinnt: Nach Jahren der Trennung sehen sich zwei Frauen an einem Bahnhof wieder. Während Alina emotional reagiert und Voichiţa liebevoll umarmt, will diese ihre Zuneigung verbergen und äußert Bedenken über ein derart offenes Verhalten. Schon in den ersten Minuten wird eigentlich klar, was der Film im weiteren Verlauf zeigt. Alina und Voichiţa leben nach unterschiedlichen Grundsätzen, wobei die eine ihre Freiheiten ausleben möchte und die andere einen von Regeln und Vorgaben bestimmten Weg gewählt hat.

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Die beiden jungen Frauen sind gemeinsam im Waisenhaus aufgewachsen und hatten einst eine enge Bindung zueinander. Nie wird es ausgesprochen, dafür umso stärker angedeutet, dass ihre Beziehung die Grenzen einer rein platonischen Freundschaft überschritten hat und beide eine innige Liebe verband. Nachdem sie eine Weile in Deutschland gearbeitet hat, kehrt Alina in ihre ostrumänische Heimat zurück, in der Hoffnung, Voichiţa mit nach Deutschland zu nehmen, um dort ein gemeinsames Leben zu führen. Diese lebt allerdings mittlerweile in einem orthodoxen Kloster jenseits der Hügel des Dorfes und widmet ihr Leben dem Glauben. Eingetaucht in triste Farben zwischen grau, blau und schwarz ist die karge Landschaft von Wind und Kälte umgeben. Das gesamte Setting, gepaart mit langen Einstellungen und einer ruhenden Kamera, schafft eine Grundstimmung der Stille und Abgeschiedenheit, die mit Alinas Einzug ins Kloster in ihrem Kern zerschüttert wird. Sie lässt sich nicht vom abgeschiedenen, strengen Leben überzeugen und wehrt sich gegen die Vorschriften. Diese Rebellion nimmt extreme Ausmaße an, als sie zusammenbricht und unter hysterischen Anfällen in ein Krankenhaus gebracht wird. Hilfe soll aber nur im Kloster und durch den Glauben an Gott geleistet werden und so nimmt ein schrecklicher Prozess seinen Lauf, der Alina gewaltsam zum Glauben führen und ihre Besessenheit von bösen Mächten beseitigen soll.

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Cristian Mungiu, der mit 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (2007) bereits international gefeiert wurde, zeigt eine Welt, in der das Ausleben einer Religion nach strengen Regeln und Geboten im Zentrum steht. Eine Szene, die in diesem Zusammenhang besonders wichtig erscheint, ist zugleich die absurdeste und komischste des Films. Alina muss gemeinsam mit den Nonnen über 400 aufgelistete „Sünden“ durcharbeiten. Über mehrere Minuten in einer einzigen, statischen Einstellung gefilmt, sitzen die Frauen zusammen, lesen „Sünden“ vor und haken sie parallel quasi ab. Je länger man die Szene beobachtet, desto mehr verschiebt sich das Empfinden von Komik hin zur Tragik. Die Paradoxie einer Religion, die so streng und ausführlich zwischen Gut und Böse trennt, liegt in der Tatsache, dass sie unter dem Alibi der „guten Sache“ schreckliche Dinge anrichten lässt. Über die Situation legt sich eine Beklemmung, deren Schwere den drohenden Zusammenbruch und das tragische Ausmaß voraussagt. Langsam und eigentlich erst gegen Ende entsteht ein Exorzismus-Film, der den Fokus auf die Grausamkeit des Vorgehens und nicht auf scheinbar unerklärliche Phänomene oder Besessenheit legt, wie es im Horror-Genre meist der Fall ist. Die einzige Parallele zum klassischen Exorzismus-Thema: die filmische Auseinandersetzung basiert auf wahren Geschehnissen, die sich in einem abgelegenen Kloster in Ost-Rumänien ereigneten und von der Autorin Tatiana Niculescu Bran in Romanform aufgearbeitet wurden.

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Eine beabsichtigte Ambivalenz zieht sich durch die Erzählung, weil nie deutlich wird, wie weit der Widerstand Alinas geht und wann sie an tatsächlichen Anfällen leidet. Als Zuschauer befindet man sich permanent in der ausweglosen Lage, die Handlungen aller Figuren nie wirklich nachvollziehen und einordnen zu können. Neben einer intensiven Beschäftigung mit absoluten Glaubensanhängern und den Ausmaßen dieses Glaubens geht es aber noch um viel mehr. Ein universelles Thema der Entfremdung und der Suche nach Halt wird angesprochen. Zwei Freundinnen haben sich voneinander entfernt und versuchen, an einer emotionalen Bindung festzuhalten, die längst nicht mehr existiert. Die einstige Liebe kann das Unverständnis für die veränderte Lebensweise der jeweils anderen nicht überwinden und so bleiben auf beiden Seiten nur noch Versuche, die andere umzukrempeln und sie in die eigene Überzeugung zu zwängen. Es gibt kein Loslassen, keine Akzeptanz, stattdessen Unverständnis und Eifersucht. So stellt Jenseits der Hügel nicht nur Fragen nach Glaube und freiem Willen, sondern auch nach dem Verlust von Freundschaft und Liebe, vor allem aber nach Schuld, Verantwortung und Gleichgültigkeit. Dass keine dieser Fragen eindeutig beantwortet wird, ist die große Stärke des Films.


Dupa dealuri, Rumänien 2012, 150’
Regie & Buch: Cristian Mungiu (nach den Romanen “Deadly Confession” und “Judges’ Book” von Tatiana Niculescu Bran)
Kamera: Oleg Mutu
Schnitt: Mircea Olteanu
Darsteller: Cosmina Stratan, Cristina Flutur, Valeriu Andriuţă, Dana Tapalagă, Cătălina Harabagiu
Verleih: Peripher / Wildbunch Germany
Kinostart: 14.11.2013

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