Je m’appelle Hmmm…

Direkt zu Beginn des Films wird eine Figur eingeführt, die eine der wichtigsten Rollen spielen wird: ein großer, roter LKW. Anstelle eines bloßen Fahrzeugs stellt er einen Zufluchtsort, eine Möglichkeit des Ausbruchs und der Geborgenheit dar. Der schottische LKW-Fahrer Peter und sein rotes Ungetüm sind ein Hoffnungsschimmer für die 12jährige Céline. Sie nutzt einen Schulausflug dazu, ihrer persönlichen Hölle zu entfliehen: einem Vater, der sie sexuell missbraucht, und einem Leben, das unter diesem schweren Geheimnis zu zerbrechen droht.

05

Bevor die beiden aufeinander treffen, erfährt man nur wenig über Peter, der aber von Anfang an wie ein verlorener, gebrochener Mann wirkt. Célines Familienleben wird dagegen genauer gezeigt und gewissermaßen als Ausgangspunkt der Handlung etabliert. Sie kümmert sich um die kleineren Geschwister, da ihre Mutter bis spät abends arbeitet und die Kinder mit ihrem Vater allein zu Hause bleiben. Der Rest ihrer Familie weiß nichts von dem Missbrauch und Céline sieht keine Möglichkeit, sich ihrer Mutter anzuvertrauen. Als sich bei einem Ausflug am Strand schließlich die Gelegenheit zum Ausbruch bietet, versteckt sie sich heimlich in Peters LKW, der sie mitnimmt, ohne Fragen zu stellen. Für beide ist die kurze gemeinsame Zeit befreiend, es herrscht ein unausgesprochenes, gegenseitiges Verständnis und der Film wandelt sich zum Road-Movie. Das Abenteuer und die ungewöhnliche Freundschaft machen Céline unbeschwerter, aber die Konsequenzen können nicht ausbleiben und so ebnet sich der Weg zu einem vorhersehbaren, unbefriedigenden Ende.

03

Agnès B. ist eine französische Modedesignerin, die schon seit Jahren vor allem als Produzentin im Filmgeschäft mitmischt (zuletzt bei Harmony Korines Spring Breakers). Ihr erster eigener Spielfilm trifft wohl gerade deshalb auf hohe Erwartungen, die er nicht erfüllen kann. Zu erzwungen wirken die zahlreichen experimentellen Einschübe. Von Zeichnungen und handschriftlichen Elementen über Freeze Frames, bis hin zu körnigen Bildern, die mit einer anderen Kamera im 4:3 Format aufgenommen wurden, ist alles dabei. Im plakativsten „künstlerischen“ Moment wechselt das Bild kurzzeitig von Farbe zu schwarzweiß, weil die gezeigte Figur sich an diesem Tag so „schwarz“ fühle. Wenn die Bilder dann auch noch regelmäßig von Vivaldi begleitet werden, ist das einfach zu viel. Am Ende bleibt der Eindruck eines Experiments, einer Möglichkeit, sich auszuprobieren, ohne dass ein interessantes Gesamtbild entstehen kann.

Filmfestspiele Venedig (Sektion: Orizzonti)
Je m’appelle Hmmm…, Frankreich 2013, 120‘
Regie: Agnès B. (als Agnès Troublé)
Drehbuch: Agnès B., Jean-Pol Fargeau, Christopher Yggdre
Produktion: Christophe Audeguis, Agnès B.
Kamera: Jean-Philippe Bouyer
Besetzung: Lou-Lélia Demerliac, Douglas Gordon, Sylvie Testud, Jacques Bonnaffé

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>