Jawline

Über Influencer und Social Media-Stars kritisch zu richten, scheint in der heutigen Zeit beinahe noch einfacher, als sich unvoreingenommen von den Internet-Sternchen mitreißen zu lassen. Euphorisch und von sich selbst überzeugt, verbreiten sie ihre Meinungen, Vorlieben und vor allem ihre Persona über sämtliche Kanäle, die das Internet bietet. Dass diese meist noch blutjungen Influencer wahrlich keine Philosophen sind und ihre Messages nur wenig Tiefgang besitzen, überrascht niemanden. Auch der Umstand, dass meist eine ganze Marketing-Maschinerie hinter ihnen steht, war nicht anders zu erwarten. Und doch schafft es die Dokumentation Jawline, sowohl den Influencer-Hype, als auch die bittere Realität dahinter aus einer bisher wenig beleuchteten Perspektive zu zeigen.

Ausgangspunkt ist der sechzehn Jahre alte Austyn Tester, der aus seinem Jungendzimmer in seinem in die Jahre gekommenen Elternhaus regelmäßig Livestreams sendet. Eine kleine, aber treue und ausschließlich weibliche Zuschauerschaft schaut ihm regelmäßig zu, wie er sein gewollt zerwühltes Haar immer wieder zerzaust, während er über Träume, Hoffnung und Zuversicht spricht. Seine Fans überschlagen sich in den Kommentaren mit Lob und Liebeserklärungen, und wer Austyn besonders auffällt, darf sogar mit ihm über Videochat kommunizieren. Jede seiner Fans ist für ihn wunderschön, unglaublich, atemberaubend und natürlich werden all ihre Träume in Erfüllung gehen, weil am Ende immer alles gut werden wird. Und so, wie Austyn über seine Online-Präsenz spricht, scheint er all dies auch wirklich zu glauben. Er möchte reich und berühmt werden, klar, aber den Ruhm möchte er nutzen, um Positivität zu verbreiten. Er wünscht sich nichts mehr, als die Menschen glücklicher machen.

Im Kontrast dazu stehen die Schützlinge des Managers Michael Weist, die in Los Angeles leben, dort, wo Austyn unbedingt auch hinmöchte. Aber anders als Austyn, der alles in Eigenregie von seinem Zimmer aus für ein vergleichsweise kleines Publikum aufzieht, geht es in Los Angeles um lukrative Sponsorenverträge und hunderttausende Zuschauer. In einer Wohngemeinschaft in einer Villa arbeiten die Social Media-Stars, die sich inhaltlich und optisch erschreckend stark ähneln, an ihren Web-Karrieren. Konsistenz und Durchhaltevermögen sind gefragt, jeden Tag muss neuer Inhalt generiert werden, sonst ist mit einem Verlust von Klicks zu rechnen – was bares Geld bedeutet. Das Risiko darf nicht eingegangen werden, schließlich lieben sie den Luxus, von dem sie täglich umgeben sind. Eine weitere Strategie sind neben den Videos die Live-Touren, die die Influencer quer durch die USA führen. Was genau auf diesen Touren geschieht, bleibt weitestgehend unklar. Das Publikum scheint ausschließlich aus jungen Mädchen zu bestehen, die sicherlich nicht wenig Geld bezahlen, um ihren Stars auf der Bühne zuzujubeln, oder möglicherweise sogar ein Selfie mitsamt Umarmung zu ergattern. Alles natürlich für die Hoffnung, Zuversicht, den Optimismus und unerschütterlichen Glauben an die eigenen Träume.

Die Chance, an solch einer Tour teilzunehmen, erhält auch Austyn, nachdem ein Manager auf ihn aufmerksam wurde. Zwar in einem deutlich kleineren Rahmen und auch von weitaus weniger Mädchen bejubelt, lernt er das Leben, nachdem er sich sehnt, endlich kennen – das Loch, in das er im Anschluss fällt, ist umso tiefer. Seine positiven Parolen scheint er selbst zeitweise nicht mehr zu glauben. Zwar hatte er durch die Tour seine Bekanntheit gesteigert, aber danach weniger Videos produziert, was sich sofort in einer schwindenden Klickzahl niederschlug. Sein Manager hat ihn um Geld betrogen, seine Schullaufbahn steht auf der Kippe, und er muss arbeiten gehen – und trotzdem findet Austyn letztendlich seine Zuversicht wieder. Anders als Michaels Schützlinge, die immer härter damit kämpfen, auf Knopfdruck gute Laune zu verbreiten, nur, um kontinuierlich Videos zu produzieren.

Ein Streit, der zwischen einem Web-Star und Michael entbrennt, ist nur durch wenige Schnitte unterbrochen und wirkt durch die ruhige Kamera, die beobachtend aus einer geringen Distanz mitfilmt, umso intensiver. Die Absurdität des Geschäfts mit der guten Laune und spaßigen Unterhaltung zeigt sich in Kleinigkeiten, wie der korrekten Ansprache des Publikums, und im Großen und Ganzen, wie der Energie und guten Laune, die auf Knopfdruck da sein müssen. Hunger, Müdigkeit oder Langeweile darf es im Leben eines Influencers niemals geben.

Jawline überrascht mit seinen Enthüllungen kaum, auch wenn die Einblicke in ein Influencer-Leben hinter den Kulissen sicherlich selten sind. Es soll nicht schockiert oder skandalisiert werden. Viel wertvoller sind die wertungsfreien, aber dafür umso genaueren Beobachtungen, die aufzeigen, wie nah Banalität, Erfolg und Scheitern beieinander liegen. Liza Mandelup zeigt auf, ohne eine Richtung vorzugeben, in die sie die Meinung der Zuschauer*innen lenken möchte. Aus der Situation entstandende, spontane Aufnahmen wechseln sich mit Slow-Motion-Aufnahmen ab, die vor allem Austyn ästhetisch in Szene setzen, sodass durch das Zusammenspiel mit dem atmosphärischen Soundtrack die fragile, traumhafte Schwebe, in der er sich an diesem Punkt in seinem Leben befindet, nachempfunden wird.

Auch wenn die Lebensweisheiten, die die ausschließlich männlichen Akteure verbreiten, an Abreißkalender und Glückskekse erinnern, scheinen sie für alle Beteiligten unglaubliche Bedeutung zu besitzen. Diese Hoffnung, dass alles gut wird und jeder Traum in Erfüllung geht, wenn doch nur fest genug daran geglaubt wird, scheint sie alle vor und hinter der Handykamera zusammenzuschweißen und genug Mut zu geben, den eigenen Weg immer weiter zu gehen.

Jawline ist auf dem Internationalen Filmfest am 19.11. um 19:00 Uhr und am 20.11. um 11:00 Uhr zu sehen.

Sprache: Englisch
Untertitel: Englisch
Regie: Liza Mandelup
Kamera: Noah Collier, Ben Whatley
Schnitt: Alex O’Flinn
Musik: Palmbomen II
Mit: Austyn Tester, Michael Weist
Produktion: Sacha Ben Harroche, Lauren Cioffi, Bert Hamelinck, Hannah Reyer
Produktionsfirma: Caviar
Verleih: Autlook Filmsales
99 Min, Farbe, DCP/ProRes

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