Jahresrückblick & Top Ten 2016

Endlich können wir uns von dem grauenhaften Jahr 2016 verabschieden. Es war ein Jahr, auf das man eigentlich nicht zurückblicken möchte, aber in Sachen Kino lohnt sich das tatsächlich. Fast 200 Filme hat das Rating-Team, bestehend aus vier Daumenkino-Mitgliedern und drei externen Beteiligten, in diesem Jahr gesichtet und bewertet. Dabei lässt sich am Ergebnis einmal mehr feststellen, dass die eingeschränkte Programm-Auswahl in Braunschweig einen echten Nachteil darstellt. Mehr als die Hälfte der Filme in den Top Ten wurden nur von den beiden Berlinern gesehen und waren von den Braunschweiger Kinoleinwänden weitestgehend abwesend. Diese Liste wird dadurch aber nicht weniger interessant, sie bietet vielmehr die Möglichkeit, gerade die Filme zu entdecken, von denen man vorher nicht viel mitbekommen hat. Als Rating im Sinne eines aussagekräftigen Durchschnitts aller Meinungen funktioniert das zwar weniger gut, aber trotzdem – weil man dem Ganzen ohnehin nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte und es Spaß macht – werfen wir einen Blick auf die (für manche von uns) besten Filme 2016 und lassen uns inspirieren, was man über Weihnachten vielleicht nachsichten könnte.

1001-nacht-3_still_02_press

Auf den oberen Plätzen hat sich in den letzten Tagen noch ziemlich viel getan und schließlich ist 1001 Nacht – Teil 3: Der Entzückte des portugiesischen Regisseurs Miguel Gomes unsere diesjährige Nummer 1. Seine 1001 Nacht Trilogie ist ein ungewöhnliches filmisches Großprojekt, das über die Erzählung verschiedener Geschichten ein Portrait des zeitgenössischen Portugals zeichnet. 2015 waren alle Teile auch beim Filmfest Braunschweig zu sehen (was ein Großteil unserer Redaktion leider verpasst hat, wie sich unschwer am Rating erkennen lässt) und mit Teil 2: Der Verzweifelte (Platz 7) hat es sogar ein weiterer Gomes-Film in die Top Ten geschafft. Einer der schönsten Filme des Jahres, Cemetery of Splendour (Platz 6) von Apichatpong Weerasethakul, war über lange Zeit des Jahres unsere Nummer 1 und als Teil der Filmreihe Asien (in Kooperation mit dem Festival Theaterformen) einmalig im Universum Filmtheater zu sehen. Wie immer sind auch einige Dokumentarfilme vertreten: Iraqi Odyssey (Platz 2) von Samir, Austerlitz (Platz 10) von Sergey Loznitsa und And-Ek Ghes… (Platz 5) von Philip Scheffner und Colorado Velcu, den wir im November als Auftakt der 12. Cinemathek in Anwesenheit der Regisseure gezeigt haben. Ebenfalls in der Cinemathek zu sehen und dadurch auch von fast allen Beteiligten bewertet: Right Now, Wrong Then von Hong Sang-soo auf Platz 4, worüber wir uns besonders freuen, denn zum ersten Mal hatte ein Film dieses außergewöhnlichen Regisseurs überhaupt einen deutschen Verleih (Grandfilm).
Traurigerweise muss man den Blick auf die Top 15 erweitern, um über Filme von Frauen zu stolpern: Heart of a Dog (Platz 12) von Laurie Anderson und Toni Erdmann von Maren Ade, der nur wegen einer einzigen, extrem abweichenden Wertung auf einem undankbaren 14. Platz landete. Bei genauerer Betrachtung der einzelnen Punkte wird klar, dass der Film nicht nur von den meisten gesehen wurde, für die Mehrheit war es tatsächlich auch der beste des Jahres – eben bis auf diesen einen Ausrutscher.

Sehenswerte Filme nach Braunschweig zu holen wird neben dem Schreiben über Film weiterhin ein wichtiges Anliegen unseres Projektes sein. Deshalb haben wir uns auch dazu entschieden, das bisherige Programm der Cinemathek mit einer kleinen Zugabe zu erweitern und im neuen Jahr zwei weitere außergewöhnliche Filme als „Cinemathek Spezial“ zu präsentieren: Am 25.01.2017 zeigen wir den Dokumentarfilm Ein Haus in Ninh Hoa in Anwesenheit von Regisseur Philip Widmann und Drehbuchautor Nguyen Phuong-Dan, mit denen es im Anschluss an den Film ein Publikumsgespräch geben wird. Und am 01.02.2017 zeigen wir Polder – Tokyo Heidi, zu dem es auch schon eine Kritik bei uns gibt. Beide Veranstaltungen finden jeweils um 19 Uhr im Universum Filmtheater statt, weitere Informationen dazu gibt es demnächst.

Wie immer folgen an dieser Stelle als Zusatz zum allgemeinen Rating die individuellen Top- (und Flop-) Listen unsere Autorinnen und Autoren. Die Daumenkino-Redaktion wünscht allen Leserinnen und Lesern ein großartiges Kinojahr 2017! …Und wer direkt mit einem guten Film ins neue Jahr starten möchte, sei daran erinnert, dass wir am 18.01.2017 als Abschluss der aktuellen Cinemathek Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki zeigen.


Top 10 Filme
Von Thomas Ressel

01. Anomalisa
02. Der Nachtmahr
03. Polder – Tokyo Heidi
04. Swiss Army Man
05. Cemetery of Splendour
06. 10 Cloverfield Lane
07. Warcraft
08. Right Now, Wrong Then
09. The Whispering Star
10. Sausage Party

Flops Filme
Von Thomas Ressel

01. Rogue One
02. Phantastische Tierwesen
03. Ghostbusters
04. Suicide Squad
05. Zoolander 2
06. Hail, Caesar!
07. Café Society


Filmplakate 2016
Von Theodor Frisorger

1. Cemetery of Splendour (Apichatpong Weerasethakul, TH et al.)
2. Queen of Earth (Alex Ross Perry, US)
3. Marketa Lazarová (František Vláčil, CZ)
4. Austerlitz (Sergey Loznitsa, DE/UA)
5. Toni Erdmann (Maren Ade, DE)


Top 5 Filme aus Deutschland
Von Philipp Baumgartner

01. Toni Erdmann (R. Maren Ade)
02. Wild (R. Nicolette Krebitz)
03. And-Ek Ghes… (R. Philip Scheffner, Colorado Velcu)
04. Treppe Aufwärts (R. Mia Meyer)
05. Der traumhafte Weg (R. Angela Schanelec)


 

Top 5 Filme von Regisseurinnen (= Top 5 2016)
Von Florian Krautkrämer

01. Mustang (Deniz Gamze Ergüven)
02. American Honey (Andrea Arnold)
03. Toni Erdmann (Maren Ade)
04. Wild (Nicolette Krebitz)
05. El Futoro Perfecto (Nele Wohlatz)


Musik im Film – Das Beste aus 2016
Von Jennifer Ament

1-format431. Toni Erdmann
(Maren Ade)
Von allen unangenehmen Situationen, in die Ines’ Vater sie hineinzieht, ist die spontane Gesangseinlage bei einer rumänischen Osterfeier sicher eine der schlimmsten. Die musikalische Begleitung setzt ein, ihre innere Zerrissenheit macht sich kurz bemerkbar und dann schmettert Sandra Hüller als Ines Conradi als Miss Schnuck „The Greatest Love of All“ konsequent in voller Länge. Umrahmt von den schnulzigen Zeilen des Songs und der affektiven Performance, wird die komplexe Vater-Tochter-Beziehung mit all ihrem Schmerz, ihrer Liebe und der Gradwanderung zwischen Humor und Verzweiflung irgendwie auf den Punkt gebracht. Großer Applaus für the fabulous Whitney Schnuck!

2. And-Ek Ghes… (Philip Scheffner, Colorado Velcu)
Ein absoluter Höhepunkt des Films ist das Musikvideo zum Titelsong der Velcu-Familiensaga, inszeniert als Bollywood-Hommage, das in knalligen Farben und glänzender HD-Optik einen eindeutigen Kontrast zu den dokumentarischen Filmbildern darstellt.

3. Anomalisa (Duke Johnson, Charlie Kaufman)
Die komplexe Erzählung und die ungewöhnlich gestalteten Puppen als Protagonisten machen den auf einem Theaterstück von Charlie Kaufman basierenden Stop-Motion Animationsfilm zu einem der interessantesten Filme des Jahres. In der vielleicht melancholischsten Szene singt Lisa (Jennifer Jason Leigh) eine langsame, leise Version des Cyndi Lauper Klassikers „Girls Just Want To Have Fun“ und verzaubert damit ihr Gegenüber.

4. Tangerine L.A. (Sean Baker)
Ausschließlich mit iPhones gedreht, zeigt der Film den Alltag zweier Transgender-Prostituierten an Heiligabend in L.A. Dabei ist Sin-Dees intime Club-Performance von „Toyland“, zu der ihre Freunde in letzter Minute noch auftauchen, ein seltener Augenblick der Ruhe in dem ansonsten lauten Treiben und gehört zu den schönsten musikalischen Film-Momenten des Jahres.

5. The Hateful Eight (Quentin Tarantino)
Ein intensiver, sadistischer Monolog von Samuel L. Jackson wird mit einer Klavierversion von „Stille Nacht, heilige Nacht“ als musikalisch dissonanter Untermalung der grausamen Geschichte gepaart. Die Spannung baut sich immer weiter auf und wird dann stellenweise durch Fehler beim Klavierspielen gebrochen – bis die Musik kurz vorm blutigen Showdown verstummt.

Außerdem: All These Sleepless Nights (Michal Marczak)
Noch ohne Starttermin, deshalb kein Teil der offiziellen Liste, aber zu sehen beim diesjährigen Filmfest Braunschweig. Angelegt als dokumentarisch-fiktionales Hybrid ist der Film eine Tour durch die Warschauer Partyszene und damit eigentlich ein einziger musikalischer Film-Moment, aber vor allem die Beach-Rave Szene bleibt in Erinnerung.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>