Irrational Man

Woody Allen ist eine Herausforderung für die Philosophie.“ hieß es noch in dem 2001 erschienen Buch Woody Allen: Versuch über das Komische von Vittorio Hösle. Blickt man nun auf Allens neuesten Film Irrational Man, so fühlt man sich gezwungen dieses Zitat umzuformulieren: Vielmehr scheint die Philosophie und mit ihr die Figur des Philosophen und das filmische Festhalten von Gedanken eine Herausforderung für Woody Allen zu sein. Und etwas Komisches findet sich darin auch nicht.

Abe Lucas (Joaquin Phoenix) wird als Philosophie-Professor an die Universität einer amerikanischen Kleinstadt berufen. Dort ist nicht nur das wissenschaftliche Personal, sondern auch die Studierendenschaft ganz euphorisch darüber einen Rockstar der Philosophie, wie Abe Lucas ihn darstellen soll, in ihren bescheidenen Universitätshallen begrüßen zu dürfen. Bereits bei seiner Ankunft wird er von seiner Kollegin Rita (Parker Posey) plump angeflirtet und mit Sprüchen wie „Ich habe gutes Gras.“ zu sich nach Hause gelockt. Aber auch die musterhafte Studentin Jill (Emma Stone) schwärmt für ihren neuen Lehrenden und diskutiert seine viel beachteten Publikationen mit ihm regelmäßig nach Vorlesungen, auf dem Universitätscampus oder auf Jahrmärkten.
Obwohl beide Frauen bereits in einer Beziehung sind, dauert es nicht lange bis Abe zuerst mit Rita und schließlich auch mit Jill im Bett landet. Seine Performance dort kommt jedoch nicht an seine akademischen Glanzleistungen heran. Als ein derart brillanter Intellektueller, der die Absurdität der Welt erkannt hat, muss sich Abe neben Alkoholproblemen und Depressionen natürlich auch mit Erektionsstörungen abmühen. Was für viele den Griff zur blauen Pille bedeuten würde, bedeutet für Abe Lucas hingegen den Griff zum Gift.

Gemeinsam mit Jil belauscht er nämlich in einem Restaurant zufällig eine ihm unbekannte Frau, die sich über einen scheinbar korrupten Richter ausweint. Es ist genau dieser Moment, als Abes Leidenschaft wieder erblüht und ihn die Idee überkommt, den entsprechenden Richter zu vergiften. Ohne jegliche Beziehungen zum zukünftigen Mordopfer kann er das in der Literaturgeschichte so häufig propagierte „perfekte Verbrechen“ verwirklichen und gleichzeitig einer unschuldigen Frau Gutes tun – etwas, das seine theoretischen Abhandlungen nie vollbringen konnten. Mit diesem neuen Lebenssinn ausgestattet, setzt sich Abe unmittelbar an die Planung und Umsetzung seiner Tat. Jill, die sich Laufe der Narration als die wichtigere Affäre herausstellt, weiß von all dem jedoch nichts.

Irrational Man

Beziehungen zu deutlich jüngeren Frauen, der Vorwurf eines bestechlichen Richters und die Idee vom perfekten Mord – das sind bereits etablierte Motive, die aus Woody Allens Œuvre und / oder Biografie bekannt sind. Die Problematik an Irrational Man ist jedoch nicht einfach nur, dass der Film erneut aus diesem Repertoire an Narrativen schöpft, sondern dass dieser Rückgriff derart oberflächlich geschieht.

So entsprechen alle Hauptcharaktere filmgewordenen Stereotypen: Rita als Frau mittleren Alters, die sich statt ihrer gefestigten Ehe nach einem romantischen Abenteuer in Spanien sehnt. Abe als tiefsinniger Akademiker, der die Sinnlosigkeit des Lebens durchschaut hat. Jill als Tochter aus gutem Hause mit vorbildlichen Studienleistungen und begnadetem musikalischem Talent. Und nicht nur im Bezug auf Jill, sondern ganz generell versteht Woody Allen unter einem College dabei offensichtlich einen sonnendurchfluteten Campus an dem fast ausschließlich weiße Studierende der gehobenen Mittelschicht ein Glas Wein mit ihrem Philosophie-Professor trinken wollen.
Das aus der Konstellation dieser Figur keine frischen und intelligenten Dialoge entstehen, sollte aus diesem Grund auch nicht weiter überraschen. Dass die Grenzüberschreitung bei einer Beziehung zwischen Studentin und Professor an keiner Stelle thematisiert wird, mag beim Blick auf den Regisseur ebenso nicht verwundern. Jedoch sind auch jegliche moralische Fragen um Schuld und Verantwortung im Anschluss an die Ermordung zu einem simplen Name-Dropping philosophischer Denker und Konzepte eingekocht worden. Stattdessen nutzt der Film seine Zeit lieber um Joaquin Phoenix Hängebauch in seinen figurbetonten Poloshirts kontinuierlich einzufangen.

Irrational Man 2

Und so plätschert der gesamte Film in Albernheiten und Redundanzen dahin. Und anstatt etwa den konsequenten Voice-Over-Kommentar der Stimmen von Abe und Jill zu nutzen, um einen doppelten Boden oder eine Bedeutungsebene in den Film einzuziehen, beschränken sie sich darauf bei wenig spektakulären Handlunngen wie etwa Strandbesuchen genau jenes zu beschreiben, was ohnehin schon visuell auf der Leinwand zu sehen ist. Das große Finale setzt dem filmischen Klamauk mit einer Slapstick-Nummer dann noch die Krone auf.
Bei einer solchen Überspitzung, weit über das Alberne hinaus, muss man sich für einen kurzem Moment zwangsläufig fragen, ob nicht der ganze Film als ein großer ironischer Witz aufzufassen sein. Dieser Gedanke verfliegt aber Sekunden später, wenn der Film zu einem konservativen Ende findet und seine gewohnte Ordnung wiederherstellt.

Inhaltsleere Worthülsen im intellektuellen Gewand – der nächste Arthouse Hit!

Irrational Man, USA 2015, 95′
Regie & Drehbuch: Woody Allen
Kamera: Darius Khondji
Darsteller: Joaquin Phoenix, Emma Stone, Parker Posey
Verleih & Bildrechte: Warner Bros. GmbH
Starttermin: 12. November 2015

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>