Iranien (Berlinale)

Sektion: Forum / Regie: Mehran Tamadon / F/Schweiz 2014 / 105′

Der gebürtige Iraner Mehran Tamadon dokumentiert in seinem Film Iranien ein mutiges Experiment: Er diskutiert zwei Tage lang zusammen mit vier regimetreuen Geistlichen über seine Ideen eines säkularen Irans und einer pluralen Gesellschaft, in der alle Menschen egal welchen Glaubens oder welcher Welteinstellung in einer friedlichen Koexistenz leben können. Der Film hat zur Folge, dass dem inzwischen in Frankreich lebenden Filmemacher die Rückkehr in den Iran verweigert wird. Als politischer Gegner ist er in seiner Heimat nicht mehr willkommen. Mit diesem Opfer hat er einen ganz bemerkenswerten Film geschaffen, der die Menschen zeigt, die hinter sogenannten Fundamentalisten des Islams stehen. Liest man von Männern, die Frauen zum Beispiel zwingen sich zu verschleiern, kann man sie sich viel leichter als die ungebildeten, nach Macht gierenden Unmenschen und Unterdrücker vorstellen. Doch diese Männer sind nicht ungebildet, sie sind wortgewandt und schlau, sie haben Humor und sind eigentlich richtig sympathisch. Ich kann nicht sagen, dass ich die Ansichten der drei streng gläubigen Moslems nach dem Film besser verstehe, im Sinne von Verständnis für ihre Wertvorstellungen, aber ich verstehe besser, wie sie auf diese Vorstellungen kommen. Ihr Denken ist geprägt von einer tiefsitzenden Angst vor einer zerstörerischen Sexualität. Selbst eine weibliche Stimme könne ihr Gleichgewicht durcheinander bringen und sie zu schlechteren Menschen machen. Ihre Vorstellungen über Mann und Frau stützen sie ironischerweise mit Wissenschaftsdiskursen, die eben dem Islam entsprechen. Für sie ist ihre Religion ihre „Wahrheit“ und sie sehen in ihrem Handeln keinesfalls Frauenfeindlichkeit, sie sehen sich als Erhalter einer stabilen Gesellschaft.21038088_20130909122527016.jpg-r_640_600-b_1_D6D6D6-f_jpg-q_x-xxyxx Sie fragen Mehran provokant, warum seine westlich geprägte Meinung denn die eine richtige wäre. Immer wieder unterstellen sie ihm, dass er ihnen seine Wertvorstellungen aufzwingen wolle („Your religion is securalism, so all you´re doing is talking about your ideology“), auch wenn er diese Vorwürfe gleich von sich weist. Iraner wollen demnach doch den Islam und befürworten die Scharia, warum also sollte sich etwas ändern? Das ist doch auch demokratisch? Warum die Rechte von Minderheiten stärken, wenn scheinbar keiner dafür stimmt? An nur zwei Tagen ändert keiner sein Denken, wenn es doch so tief durch die Geschichte der eigenen Kultur und Gesellschaft begründet ist. Es wäre aber falsch zu sagen, dass das Experiment auf irgendeine Weise gescheitert wäre. Die vier Islamtreuen und der durch die französische Gesellschaft geprägte Mehran schaffen es zwar nicht sich gegenseitig zu überzeugen, aber sie lachen zusammen, sie essen zusammen und diskutieren friedlich. Keiner fällt dem anderen ins Wort oder wird beleidigend. Sie schaffen es an diesen zwei Tagen in dem Landhauhaus als eine kleine plurale Gesellschaft zu leben, in der Mehran mit seiner Meinung als Minderheit akzeptiert wird und alle sich gegenseitig zuhören und übereinander nachdenken. Ist das nicht ein Anfang? Die Ehefrauen und Kinder der vier Gäste wurden allerdings gleich zu Beginn ins Nebenzimmer geschickt. 20141980_2_IMG_FIX_700x700 Am Ende der Filmvorführung stellte sich Regisseur Mehran den Fragen der Zuschauer. Auf meine Frage, warum er mit den Frauen nur einmal ganz kurz über Kindererziehung, aber nie über politische Themen gesprochen hat, sagte er zu mir, dass die Frauen derselben Meinung wie die Männer seien und daher ein Gespräch nicht interessant gewesen wäre. Nur wenn die Frauen zum Beispiel keinen Schleier tragen würden (was er wohl mit einer Auflehnung gegen islamische Normen verbindet?), hätte er ein Gespräch in Betracht gezogen. Schade, denn er schien sie gar nicht erst gefragt zu haben, wie konnte er also wissen, was die Frauen denken? Ihnen keine Präsenz im Film zuzugestehen fördert doch vielmehr eine androzentristische Perspektive. Immerhin reden die Männer die meiste Zeit über Themen, die besonders auch Frauen betreffen, wie Verschleierung, Abtreibung oder Paarbeziehungen. Männer reden über Frauenrechte, während diese im Nebenzimmer versteckt werden. Selbst die Fenster vom Frauenraum sind von außen mit Laken zugehangen, damit keiner rein- oder rausschauen kann. Wenn Mehran die Lage der Frauen kritisiert, warum waren sie ihm dann kein Interview wert? Ein großer Kritikpunkt bei einem sonst sehr gelungenen Film, der hoffentlich noch viel Beachtung finden wird.iranian-5-w540

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