Inuk: Eiskalte Zivilisationskritik

Was der durchschnittliche Mitteleuropäer über die Transformation der grönländischen Gesellschaft und die aktuelle Situation der dortigen Jugend weiß, ist mutmaßlich nicht viel. Vielleicht ist das der Grund, warum “Inuk” von Mike Magidson damit wirbt, der erste Film über das “moderne Grönland” zu sein.

Inuk (Gaba Petersen) ist ein wortkarger, sechzehnjähriger Junge, der seinen Vater bei der Jagd im Eis verlor. Seitdem ist die Familie aus dem Gleichgewicht. Er ist mit seiner alkoholabhängigen Mutter in eine grönländische “Großstadt” gezogen, erlebt häusliche Gewalt und hat wenig Perspektiven. Seine Flucht sind die Kopfhörer des iPod und nächtliche Spaziergänge durch die karge Stadt. Eine Sozialarbeiterin liest ihn auf und schlägt vor, dass er zurück in den Norden in ein Heim zieht. Als er sich auch dort nicht so recht mit der Situation anfreunden kann, wird er auf einen Ausflug mit realen Jägern geschickt, bei denen er auftaut.

Der Plot des hoffnungslosen Kindes, das nur seine Bestimmung finden muss, ist so allgegenwärtig, wie die Bilder der lebensfeindlichen Eislandschaft eindrucksvoll. Und mindestens auch so problematisch. Zwar ist Inuk ein Mensch, der hauptsächlich passiv bleibt, der ohne Möglichkeiten ist und die Dinge eher geschehen lässt als einzugreifen, es handelt sich also nicht um einen Sinnsucher, dem die Verlogenheit  und die Dekadenz der Zivilisation in die Wildnis treibt, dennoch wird auch Inuk eingesperrt in den Käfig seiner Kultur und Herkunft.

Erst die Wildnis, die Unmittelbarkeit, die “echten Werte” könnte man fast sagen, bilden für ihn den Punkt, an dem er anknüpfen kann, er seine Scheu verliert und zum Handeln fähig wird. Das ist verpackt in tollen Aufnahmen, interessanten Verweise auf die ursprüngliche Art im Eis zu überleben und eine Geschichte die behutsam erzählt wird und doch bleibt ein fader Beigeschmack.

Muss ein “Wilder” ein “Wilder” bleiben? Woraus speist sich die Lust am Zuschauen? Vielleicht letztendlich doch aus der Lust an einer imaginierten relativen Sicherheit einer scheinbar homogenen und unmittelbar den Naturzwängen gegenüberstehenden Lebensweise, die die Versuchungen der Zivilisation nicht kennt? Sie kennt aber auch nicht die Vorteile von Privatheit und Streben nach individuellen Glück. So “[…] läßt die Wahrnehmung trotz aller Beweise des Gegenteils nicht vollend sich ausreden, was diesseits des Trend liege und vor ihm, sei in seiner Zurückgebliebenheit humaner und besser.” (Adorno, Ästhetische Theorie) Wenigstens eine “freie” Entscheidung hätte man Inuk gegönnt.

Voyage d’Inkuk, Grönland/Frankreich 2010, 90′
Regie: Mike Magidson
Kamera: Xavier Liberman, Franck Rabel
Darsteller: Gaba Petersen, Knud Therkielsen, Ole Jorgen Hammeken
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 7. Februar 2013
 

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>