“Information ist Macht” – oder das Leben des J. Edgar

Ganz nach diesem Motto lebte J. Edgar Hoover. Bereits in jungen Jahren arbeitete er im amerikanischen Justizministerium und fiel durch seine akriebische Arbeitsweise auf, Landesfeine zu finden und auszuweisen. Schnell wurde er zum Leiter des Bureau of Investigation ernannt und teilte dem Justizminister seine Visionen mit, wie nach seiner Meinung das Ministerium zu arbeiten habe. Daraus entwickelte sich das, was wir heute als FBI kennen.

So zweifelhaft Hoovers Bild in der Öffentlichkeit war und auch immer noch ist, muss man ihm zu Gute halten, dass es ohne ihn die Verbrechensbekämpfung, wie wir sie heute kennen, nicht geben würde. Abnehmen und Archivieren von Fingerabdrücken jedes Verbrechers, Forensik und Ballistik – die Entwicklung der Kriminalistik ist letztendlich auf ihn zurückzuführen und bekommt im Film seinen (wenn auch eher untergeordneten) Platz.

Der Fokus liegt vielmehr auf Hoover selbst. Regisseur Clint Eastwood ist der Erste, der sich daran versucht, J. Edgar zu portraitieren. Anhand von Rückblenden, die Hoover selbst macht, rekonstriuert er das Leben dieser äußerts zwiespältigen Persönlichkeit. Wir lernen einen sehr karriereorientierten Menschen kennen, der sein Leben “seinem” Land verschreibt. Für die Verbrechensbekämpfung geht er über Leichen und wendet hin und wieder auch Methoden an, die vor dem Gesetz als illegal gelten würden. Doch es wird schnell klar, dass seine Verbissenheit und Loyalität gegenüber seinem Land, in stark paranoiden Wesenszügen endet. Hinter allem und jeden sieht Hoover einen Landesverräter – sei es hinter Kriminellen, als auch Personen der Öffentlichkeit oder gar des Staates. So legte er geheime Akten an, zu denen nur wenige Zugang erhielten. Diese Informationen machten ihn im Prinzip zum mächtigsten Mann des Staates. Selbst gegen den Präsidenten oder andere Staatsmänner hatte er verheerende Dokumente in der Hand. Mehrmals sehen wir J. Edgar wie er zum Präsidenten gerufen wird und dabei immer eine kleine Akte mit Details über sein Gegenüber bei sich trägt. Besonders nachhaltig wird seine paranoide Sicht vorallem in der Szene deutlich, in der Hoover vor einem Tonbandgerät sitzt und klar wird, dass er sogar seinen langjährigen und treuen Freund Clyde Tolson überwacht hat.

Zugleich ist J. Edgar Hoover aber auch jemand, der einen ausgeprägten Ödipuss-Komplex hat. So selbstbewusst und autoritär er auch in seinem Beruf erscheint, so unterwürfig und beeinflussbar ist er zu Hause bei seiner Mutter, bei der er bis zu ihrem Tod lebte. In diesem Zuge wird auch der Mythos eingeführt, dass Hoover homosexuell gewesen sei. Prinzipiell nimmt Eastwood dazu keine klare Stellung ein. Hoovers angebliche Neigungen werden lediglich angedeutet, weshalb dem Zuschauer überlassen wird, wie er dies zu interpretieren hat. Klar wird aber der innerliche Kampf Hoovers, der einerseits irgendwie eine gewisse Zuneigung zu Männern (vorallem gegenüber seinem Freund Clyde) verspürt, andererseits aber auch von seiner Mutter dazu angehalten wird, dass Homosexualität eine nicht wünschenswerte Eigenschaft sei und er sich doch bitte daran erinnern möge, was mit Menschen geschieht, die “nicht normal” seien. Wirkliche Liebe widerfährt Hoover in seinem ganzen Leben nicht. Eine Familie gründete er nie und Frauen, die ihm zu nahe treten, weist er von sich. Die einzige Liebe, die er sich wünscht, ist die von seinem Land, doch diese war ihm zeitlebens vergönnt.

Das Ende des Films schiebt nochmal alle negativen und skurrilen Gedanken, die man über J. Edgar in seinem Kopf angesammelt hat, beiseite und räumt ein wenig Mitgefühl ein. Allein in seinem Zimmer ist er über Nacht verstorben und wird von Clyde betrauert, der neben der Sekretärin zu der einzigen Person zählt, die Hoover geliebt haben (sei es platonisch als auch emotional). Parallel dazu spricht Präsident Nixon öffentlich sein Beileid gegenüber seines angeblich “engsten Vertrauten” aus, den er aber eigentlich nicht ausstehen kann und hinter vorgehaltener Hand als “Schwanzlutscher” betitelt. Zeitgleich stürmen aber auch Beamte des Präsidenten Hoovers Büro, um dessen geheime Privatakten zu beschlagnahmen.

Aufgrund der ungeklärten Sachlage bezüglich Hoover will und kann Regisseur Clint Eastwood keine klare Stellung einnehmen, weshalb er viele Dinge nur andeutet und dem Zuschauer die Interpretation dessen überlassen wird, was mir persönlich sehr gefallen hat. Das Leben wird aus Hoovers persönlicher Sicht erzählt, was zum einen diverse Übertreibungen seiner Taten beinhaltet, als auch eine gewisse Selbstreferenz darstellt. Das Wissen über den Chef des FBI ist nur eine überlieferte, da es nur wenig handfestes Material über ihn gibt.

Leonardo DiCaprio spielt die Rolle des J. Edgar mit einer unglaublichen Präzision.  In keinem Moment zweifelt man an der Authentizität des Mannes: Der innere Konflikt, aber auch der paranoide Gerechtigkeitswahn wird von DiCaprio oscarreif verkörpert (der Vermutlich angesichts der Konkurrenz aber wieder mal leer ausgehen dürfte). In dieser Rolle kann er zeigen was in ihm steckt: vom jungen karrierefixierten Aufsteiger bis hin zum gezeichneten alten Mann. Die Maske von Hoover tut dabei ihr Übriges. Bei der Darstellung des alten und etwas dicklichen Mannes hat die Maske präzise Arbeit geleistet (was eventuell die schwache Maske bei Tolson und Hoovers Sekräterin Helen erklären könnte).

“J. Edgar” ist definitiv einen Kinobesuch wert. Wenn man den Film als solches  und nicht jede Information als wahrhaftig betrachtet, wird man mit einem starken Portraitansatz belohnt, der zum Mitdenken und Interpretieren anregt. Hin und wieder werden Szenen eingeworfen, die zunächst keinen Sinn ergeben und für viele Zuschauer auch im Nachhinein auch ein Rätsel bleiben werden. Er hinterlässt kein klares Bild von J. Edgar Hoover, sondern bietet Ansätze, über die man weiter diskutieren und sinnieren kann.

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