In My Room

Ulrich Köhler, welcher nur mit einer weit ausgelegten Definition des Sammelbegriffs Berliner Schule eingefangen werden kann und deshalb auch formalästhetisch in In My Room nur lose Bezugspunkte zu der ohnehin schwammig gefassten Schule erkennen lässt, skizziert hier eine beinahe postapokalyptische Lebenssituation – nur ohne Apokalypse.

Armin (Hans Löw) tut sich nur schwer als freischaffender Kameramann sowie auf dem freien Markt der Liebe. Auch im Familienleben betrübt die sterbende Großmutter sein Lebensglück. Da erscheint die plötzliche Entdeckung, die er eines Morgens machen muss, wie ein Traum, den man sich im Rückblick eventuell nicht hätte wünschen sollen. Alle Menschen sind verschwunden. Nachbarn, Geschäftsleute, Familie – alle weg. Was bleibt sind Autos auf den Straßen, verlassene Häuser und natürlich die loyalen Haustiere, die nun auf die Befreiung durch Armin warten. Nach einem missglückten Selbstmordversuch folgt der Hedonismus: Mit dem privaten Auto geht es rasant durch die Innenstadt, hinaus auf die Autobahn und bald wird der Kleinwagen durch das Sportauto ersetzt. Genauso augenblicklich wiederum durch das Pferd und die Natur. Armin versucht sich in der Utopie der Ländlichkeit. Geht jagen, badet im Fluss und entdeckt die Tugenden der Handarbeit. Aber was wäre diese Utopie ohne Zufluchtsmöglichkeit in die altbekannte Zivilisation. Schnell wird klar: Medikamente, Elektrizität, Essen aus dem nächsten Supermarkt und der Macbook samt DVDs aus der Videothek dürfen nicht fehlen. Zwar jetzt oft in eigener Arbeit wiedererlangt und mit allerhand Erfindungsreichtum angereichert, aber á la Campingausflug verliert die Natur ihre Schönheit ohne den Rückzugsort der modernen Errungenschaften.

Als dann auch noch Kirsi (Elena Radonicich) unerwarteterweise als scheinbar einziger anderer Mensch und baldiger romantischer Partner auftaucht und fast so schnell auch wieder aus seinem Leben verschwindet, finden wir die Ambivalenz allzu deutlich bestätigt. Ulrich Köhlers Was-wäre-wenn-Szenario eröffnet den Traum der autonomen Lebensführung, freien Liebe (aber möglichst mit Kondom) und Bindung zur Natur, der in einem nächtlichten Tanz beider Protagonist*innen ihren Höhepunkt findet. Freiheit, Leben, Liebe. Dass solch Ideale aber nie ohne Rückzug auf bekannte Bequemlichkeiten, emotionalem Stress und dramatischen Erlebnissen zu haben sind, ist die Kehrseite dieser Medaille.

32. Filmfest Braunschweig, Sektion: Neuer Deutscher Film

In My Room, Deutschland 2018, 120 Min.

Regie & Buch: Ulrich Köhler

Kamera: Patrick Orth

Schauspieler*innen: Hans Löw, Elena Radonicich

Verleih & Bildrechte: Pandora Filmverleih

Weitere Vorführungen:

10.11.2018, 19:15 Uhr, Universum Filmtheater Braunschweig

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