In Leipzig, mit Leipzig, für Leipzig

Diese gemeinschaftliche Kritik der Exkursionsgruppe wurde als Hommage an den vor jeder Vorführung stets präsenten Werbespot In Leipzig, mit Leipzig, für Leipzig der leipziger Lukas Bäckerei verfasst, der hier zu finden ist

Gestreutes Mehl als Ejakulat der Leipziger Brotkultur geht als Geist rum in den Auditorien des 62. internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm. Als einziger Beitrag mit gesprochenem Laut innerhalb des inhaltlichen Kurzfilmblocks, der ihn umgibt, stößt der halbmenütige Short Movie auf mannigfaltige Widrigkeiten. Als Gebäck im Zeitalter seiner industriellen Reproduzierbarkeit steht das Leipziger Mischbrot an vorderster Front gegen Aufbackwaren und den Verlust der lokalen Identität, bedient sich dabei aber stereotypischer Narration und Bildlichkeiten.

So penetriert der Mann die urbanen Räume in Leipzig, mit Leipzig, für Leipzig durch sein Flottieren in Sportstätten, Backstuben und Physiotherapiepraxen und provoziert damit das patriarchale Weltbild des gesamten Kurzfilmblocks, das auch als homoerotisch denotiert werden darf. Das sinnliche Kneten von Teigrohlingen, Männerwaden und Handbällen kombiniert sich mit einer eher dezenten Geräuschkulisse von Klatschlauten als Reibung zwischen dem Leder des Balles und der Hand des Sportlers, aber auch der starken Hände zweier Mannschaftskameraden. Obgleich die Hintergrundmusik versucht, sich Effekten der Simultanverdeckung zu bedienen, erreichen die Klatschlaute phonetische Prominenz, übertönen die vermutlich rechtefreie Massenware von Fahrstuhlmusik und unterstreichen homoerotische Tendenzen.

Der sich auftuende Spalt zwischen zwei Teigbacken assoziiert gleichfalls die libidinös besetzte Zurückhaltung und Verdrängung der analen Phase mit der identitätsstiftenden materialisierten Verkennung in dem handwerklichen Sporttreiben und Aufbacken. Nicht nur sind Backen und Sport primär die Dezentralisierung der eigenen Libido, um paradoxerweise im endgültigen Resultat des Sieges im schöpferischen Akt ebendiese zu erreichen. Sondern gleichsam west Leipzig in, mit und für das Handwerk so wie sich auch dessen Bevölkerung über dessen Stadt- und Kulturwerdung konstituiert.

Das Motiv der Hand mutiert im Laufe des Geschehens vom Leitmotiv zum Leidmotiv: Handball und Handwerk vereinen sich zu einer manuellen Symbiose als Kämpferin für das lokale mittelständische Unternehmertum. Dennoch ist sie Sklave gesellschaftlicher Grundordnungen: Durch Fetischisierung und Erotisierung von vermeintlich unscheinbaren Konsumgütern wie dem besprochenen Graubrot manifestiert sich ein Symptom kapitalistischer Weltanschauungen. Unterliegt das Leipziger Mischbrot in seiner Funktion als fatale Fusion von Fessel und Fetisch dem Druck marktwirtschaftlicher Tendenzen oder verbackt es sich zu einer Galionsfigur des Lokalpatriotismus?

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