In den letzten Tagen der Stadt

Khalid hat zwei Projekte, die er nur halbherzig angeht: zum einen sucht er eine neue Wohnung, bald schon muss er aus seiner jetzigen Bleibe ausziehen; zum andern arbeitet er an einem Film über seine Heimatstadt Kairo, seine Freunde, seine Familie. Kairo 2009, vor dem Arabischen Frühling, als der Tahrir-Platz noch eine Verkehrsinsel war. Für beide Vorhaben läuft Khalid immer wieder durch die Stadt, und der Film – unserer, nicht seiner – ist eine Übung im Sehen: jeder seiner Blicke wird mit einer Einstellung beantwortet, die den Alltag zeigt: Verkehr, Armut, betende Leute und ab und zu auch schon eine Demonstration. Es ist für den Film wichtig, dass die Verknüpfung zwischen diesen Bildern der fiktive Filmemacher Khalid ist. Die Einstellungen sollen nicht repräsentieren, nicht im Kleinen Kairo wiedergeben, sie stehen nicht für Kairo; sie sind vielmehr als Puzzlestücke zu sehen, eine Bestandsaufnahme, die gerade aus der Gegenwart um so wichtiger ist, da es scheinbar keinen Weg zurück gibt zu diesem Alltag – daher auch der Titel des Films. Dass die meisten Monologe und Dialoge nicht on-screen gesprochen werden und zudem mit zahlreiche Jump-cuts versehen sind, verstärkt den Aspekt des Bildersammelns und lässt den Film wie einen aus der Vergangenheit aussehen. Nicht wie einen alten Film, sondern einen, der in der Vergangenheitsform erzählt ist.
Khalid trifft sich mit anderen Filmemachern. Der eine lebt in Baghdad, der andere hat Asyl in Berlin. Sie streiten, was besser ist, die Gefahr oder die Fremde, Leben kann man beides nicht so richtig nennen. Sie schicken sich Videobriefe, die in In den letzten Tagen der Stadt integriert sind. Der Freund aus Baghdad schickt Aufnahmen von der zerstörten Stadt mit einem Porträt eines fünfundachtzigjährigen Kalligrafen, der sagt, dass Poesie überall ist.
Gegen Ende des Films (und der Stadt) nehmen die Demonstrationen gegen Mubarak zu. Die Grenze zwischen dokumentarischem und inszeniertem Material verwischt, wenn er beispielsweise eine Schlägerei im Garten filmt oder beobachtet, wie jemand von der Geheimpolizei zusammengeschlagen wird. Eine Botschaft oder einen melancholischen Blick zurück gibt es glücklicherweise nicht. Der Film endet wortlos mit einem letzten Videobrief aus Baghdad, einem Blick in die Kamera und dem Verstreichen von Zeit.

Asher ayam el madina, Ägypten/D/UK/UAE 2016, 118’
R&B&P: Tamer El Said
D: Khalid Abdalla, Laila Samy
im Verleih von Arsenal Distribution

Der Film hat 2016 den Caligari-Preis des Berlinale-Forums erhalten.

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