Im Namen des…

Von Kira Wulfers

Im_Namen_des_2Die Kamera fährt, sie rast nahezu durch einen in düstere, blaugraue Farben getränkten und von Nebel durchzogenen Wald, während sie einen ebenfalls in Blau und Grau gekleideten und sich damit visuell in den Wald einreihenden Mann beim Joggen begleitet. Dessen Lauf erinnert jedoch aufgrund des Tempos, seiner schnellen Atmung und der dramatischen musikalischen Untermalung eher an eine Flucht als eine gewöhnliche sportliche Tätigkeit. Den Unebenheiten des Bodens passt der Läufer sich nahezu mühelos an. Die unzähligen meterhohen Bäume um ihn herum reichen nach oben hin aus dem Bild heraus und lassen den männlichen Darsteller ohnmächtig und gefangen erscheinen, wie in einem Gefängnis, das ihm keinen Ausgang gewährt, egal wie schnell und wohin er läuft. Die Kamera befindet sich mal direkt neben ihm und zeigt die Anstrengung in seinem Gesicht, mal ist der Protagonist in einiger Entfernung zu sehen, wodurch die Weite des Waldes noch deutlicher wird. Als er aufhört zu laufen, nähert sich ihm die Kamera von hinten wie ein Voyeur, der ihn die ganze Zeit verfolgt hat. Langsam dreht er sich, einer erschreckenden Szene eines Horrorfilmes gleichend, in Richtung Kamera, hält dann aber inne, sodass der Zuschauer irritiert wird, auf welches Filmgenre er sich hier einzustellen hat. Seinen Blick wendet der Mann nun nach oben, um an einer freien Stelle zwischen den Baumkronen den Himmel und damit den einzigen sichtbaren Ausweg aus diesem Wald zu finden.

Mit diesen metaphorisch aufgeladenen Bildern, die bereits einen Hinweis auf den inneren Konflikt des Mannes und die Suche nach Hilfe im Glauben verweisen, wird der Protagonist des Filmes Im Namen des… eingeführt. Das sehr bewegende, aber auch thematisch kontroverse polnische Filmdrama der Regisseurin Malgoska Szumowska war im Frühjahr 2013 bereits im Wettbewerb der 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin zu sehen. Erst knappe anderthalb Jahre später erreicht er (einige wenige) deutsche Kinos. Er handelt vom Glauben, der Versuchung und dem Zweifel des katholischen Priesters Adam, der in einem konservativen Dorf in der polnischen Provinz in einem Heim für schwer erziehbare junge Männer arbeitet. Als ihm klar wird, dass er sich zu dem schweigsamen Lukasz aus der Nachbarschaft hingezogen fühlt und dieser ihm ebenfalls mit Zuneigung und Vertrauen begegnet, beginnt für Adam ein innerer Kampf mit sich selbst, seinem Beruf und der damit verbundenen Lebensform.

Im_Namen_des_3Auffällig ist die visuelle Gestaltung des Filmes, bei der sich zwei Ebenen unterscheiden lassen. Mal sind die Bilder stark überbelichtet und grell gelbstichig, mal sind Licht und Farben extrem minimiert, wie bei der zu Beginn geschilderten Sequenz im Wald. Zwischen vollkommen ruhigen und sehr dynamischen Szenen erzählt der Film eine sich sukzessive entwickelnde Geschichte. Er nimmt sich Zeit, damit der Zuschauer den Protagonisten und sein Umfeld besser kennenlernt, lässt ihn in seine Welt, vor allem in seine Gefühlswelt eintauchen und die Schwierigkeit des dörflichen Umfeldes sowie die Gewaltbereitschaft und Machtspiele der aggressiven jungen Männer des Heims wahrnehmen, bevor die ersten Anzeichen Adams inneren Konfliktes deutlicher werden. Es erfolgt eine subtile, aber nicht störende Aufladung des Filmes mit an die Passionsgeschichte Christi angelehnten Anspielungen und biblischen Motiven und Symbolen. So ist es sicherlich kein Zufall, dass die Frau von Adams Kollegen Michal, die sich Adam im Laufe des Filmes mehrmals anbietet, jedoch abgewiesen wird, den Namen Ewa trägt.

Im_Namen_desDer Film besticht durch außerordentlich authentische Schauspieler, starke Musik, wie das wiederholt auftauchende Lied „The Funeral“ von Band of Horses, und präzisesten Filmton, der teilweise überdröhnend auftritt, manchmal aber auch ganz ausbleibt. Das Besondere an Im Namen des… ist seine gewaltige Bildsprache, eine Geschichte über Einsamkeit und Selbstfindung, die Tiefe hat und sich auf respektvolle Weise dem immer kontroversen Thema der Homosexualität im Kontext der katholischen Kirche widmet. Am Ende wird der Zuschauer mit einem positiven Gefühl entlassen.

Im Namen des…, Polen 2013, 102′
Regie: Malgorzata Szumowska
Drehbuch: Malgorzata Szumowska, Michal Englert
Kamera: Michal Englert
Darsteller: Maja Ostaszewska, Andrzej Chyra, Mateusz Kosciukiewicz, Tomasz Schuchardt
Verleih: Salzgeber & Company Medien

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>