Im Keller

Als Reaktion auf die Ereignisse rund um Wolfgang Přiklopil und Josef Fritzl wendet sich der Regisseur Ulrich Seidl in seinem neusten Film Im Keller vielfältigen Formationen des Souterrains zu. Hinter einer gutbürgerlichen Fassade will er sich auf die Suche nach den sprichwörtlichen Leichen im Keller begeben. Doch er scheitert. Um eine getarnte Perversion geht es Seidl nämlich nie. Er fokussiert einzig und allein die isolierte Anormalität. Nie gesteht er seinen Protagonisten eine menschliche Seite zu, nie eröffnen sich Momente von Sympathie oder Identifikation. Vielmehr werden die Akteure von Beginn an als sonderbar markiert, indem sie alle im Kontext ihrer bizarren Keller inszeniert werden.

Im Keller- Ulrich Seidl

Nur ein einziges Liebespaar lernen wir auch überirdisch in ihren Wohnräumen kennen. Ein hilfsbereiter Gatte hilft seiner Geliebten bei der anfallenden Hausarbeit und wischt den leicht angestaubten Laminatboden – natürlich nackt. Andernfalls wäre diese Szene für Seidl zu belanglos gewesen. Schnell merkt man die enorme Intention, jedes einzelne Filmbild kontrovers aufzuladen. Zwischen Nazi-Kluft und Hodenschnallen montiert er etwa einige gelangweilte Teenager, die im Jugendkeller ihre Zeit totschlagen. Natürlich kann Seidl nicht davon absehen, ihnen einen Joint in die Hand zu drücken und die Kameraperspektive so zu wählen, dass ein Poster mit einem überdimensionalen Cannabisblatt die sonst unauffällige Szene doch noch anheizt. Ganz abgesehen von der Frage, mit welchem Recht Seidl hier überhaupt Jugendkeller oder Waschräume mit Nazi-Bunker über die filmische Montage und den Schnitt gleichsetzt. Die Sexualität dient Seidl dabei als weiteres wesentliches Feld der Vorführung. Er stigmatisiert jegliche sexuelle Praxis, die über heteronormativen Blümchensex hinausgeht, als anormal und sittenwidrig, sei es nun Sadomasochismus oder Sexarbeit.

Seidls Inszenierungen der Keller schien, zumindest für das Publikum des Braunschweiger Filmfestivals, wunderbar als Katharsis zu funktionieren. Im Blick auf das Kuriose, das Verwerfliche und Anormale, ist es möglich darüber zu lachen, sich selbst zu reinigen und als die Normalen und die moralische Gesitteten zu konstituieren. Allgemein erscheint die Theorie der Katharsis, die bis in die Antike zurückreicht, heute weitgehend veraltet und spielt für einen filmwissenschaftlichen Diskurs kaum noch eine Rolle. Wie auch Seidls neueste Filme.

Seidl Keller

Mit Im Keller kehrt er nach eigenen Angaben „zur dokumentarischen Form zurück“. Die für Seidl einst so charakteristische Unsicherheit des Publikums, ob es sich um Konstruktion oder Wirklichkeit handle, ist Im Keller obsolet geworden. Das von Seidl gewählte Sujet, hinter einer Fassade der Unscheinbarkeit in den Kellern das Verborgene aufzuzeigen, besitzt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zu den inhaltlichen Schwerpunkten dessen, was man landläufig im Nachmittagsfernsehen als Trash-TV bezeichnen müsste. Interessanterweise sind es aber genau diese Formate, die zumindest noch den Versuch wagen, den Gestus des Dokumentarischen über Kamera und Bildkomposition zu transportieren. Seidls formale Filmsprache hingegen ist einerseits derart eingreifend und gleichzeitig allen hinlänglich bekannt. In Symmetrie und Dekors durchkomponierte Tableaus, in deren Zentren die Protagonisten platziert werden und dem unaufhörlichen und durchdringen Blick des Kameraauges hilflos ausgeliefert sind, lassen keinen Gedanken an das Dokumentarische zu. Dies ist selbst dann der Fall, wenn es inhaltlich um einen Spielautomaten geht, der sich im Hintergrund in Unschärfe auflöst. Diese Ästhetik wirkt anfangs noch interessant und visuell anziehend, kippt spätestens nach der fünften Einstellung in Banalität und Berechenbarkeit.

Über die Existenz von Nazi-Kellern, Fetisch-Kellern und Schieß-Bunkern herrscht allgemeiner Konsens, auch ohne das Zu-Tun von Seidls jüngstem Film. Nicht die explorative Intention, sondern das verspottende Ausstellen der jeweiligen Akteure kann als Kernmotivation ausfindig gemacht werden. Nach eigenen Angaben hat Seidl für seine Recherche viele Jahre in Kellern verbracht. Vielleicht sollte er sich auch die nächsten Jahre in eben diese Keller zurückziehen, statt neue Filme dieser Art zu drehen.

Im Keller, Österreich 2014, 81′
Regie: Ulrich Seidl
Buch: Ulrich Seidl & Veronika Franz
Kamera: Martin Gschlacht
Darsteller: Fritz Lang, Alfreda Klebigner, Manfred Ellinger, Inge Ellinger
Verleih & Bildrechte: Neue Visionen

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