Ihr habt noch nichts gesehen

Der im Sterben liegende Theater-Dramaturg Antoine d’Anthac versammelt 15 Schauspieler, die einst seine Version von Orpheus und Eurydike aufgeführt haben, vor einer Videoleinwand. Gebannt warten sie auf sein Vermächtnis, aber: Ihr werdet euch noch wundern (so die deutsche Übersetzung des jüngsten Films von Alain Resnais) und so werden die Gäste der Totenwache zu Akteuren im letzten Stück des Autoren.

Der Trailer zu Resnais’ Film thematisierte dieses kleine Format auf höchst interessante Art und Weise: die Protagonisten nehmen vor einer Leinwand Platz und warten gebannt auf den Beginn des Films. Der erwartungsvolle Blick als alleiniger Inhalt:

http://youtu.be/8aLWJ2Yq53g

Diese höchst selbstreflexive Ausgangsformation zieht sich durch den gesamten Film, bekommt aber schnell eine ungewöhnliche Wendung. Um es gleich vorwegzunehmen: der zweistündige Film besteht allein aus dieser Versuchsanordnung: 15 Schauspieler, die sich selbst spielen (u.a. Matthieu Amalric, Michel Piccoli, Denis Podalydès (als d’Anthac) und Sabine Azéma) schauen eine Interpretation des Stückes „Eurydike“, das der (fiktive) Dramaturg Antoine d’Anthac geschrieben hat (und die Bruno Podalydès für den Film von Resnais inszeniert hat). Ihnen allen ist gemein, dass sie in verschiedenen Aufführungen in diesem Stück mitgespielt haben. Schnell finden sie sich in den Text ein und sprechen ihn mit der Inszenierung auf dem Video mit. Nach und nach verselbständigt sich so das Stück, das Video im Film tritt immer mehr in den Hintergrund und das Spiel der Schauspieler vor der Leinwand wird per Schnitt in unterschiedliche Settings verlegt, bis es fast den ganzen Raum des Films (den von Resnais) einnimmt.

Anders als in sonstigen Film-im-Film-Filmen thematisiert Resnais den Rahmen der Videoprojektion deutlich. Nicht ein einziges mal springt er in das Bildschirm-Bild, so dass die beiden unterschiedlichen Aufführungsorte streng getrennt bleiben. Es geht nicht um das Vermischen der verschiedenen Ebenen, sondern um Erinnerung. Die Projektion ist Auslöser der Interaktion des (diegetischen) Publikums. Eine Kinoutopie hat Resnais damit gedreht, die zwar im Heimkino (die Schauspieler schauen sich die Projektion in dem Schloss von d’Anthac an) spielt, aber auf den Bann der Bilder zielt, die der Auslöser für Erinnerungen und Aktionen des Publikums ist. Aber, und hier endet die Selbstreflexion, gemeint ist allein das diegetische Publikum. Denn das Publikum von Resnais’ Film wird sich in der Tat noch wundern, dass es so konsequent außen vor gelassen wird. Denn der Film bleibt reine Anschauung. Es geht nicht um das Reflektieren dispositiver Strukturen sondern darum, Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen. Deswegen gibt es auch zwei Rollen, die jeweils doppelt besetzt sind, so dass immer zwei Schauspieler einen Part des Stücks verkörpern. Unterschiedliche Herangehensweisen und Aussagen werden so deutlich.

Man kommt nicht umhin, aufgrund des kranken Dramaturgen und des selbstbezüglichen Aufbaus, an ein filmisches Testament des 90jährigen Resnais zu denken, auch wenn dieser das bei der Premiere letztes Jahr in Cannes klar verneint hat. Auch wenn Trailer und Plakat es vermuten lassen, so ist Vous n’avez encore rien vu weniger ein Film über das Kino als einer, den Resnais über sich selbst gedreht hat – mit den Schauspielern, die man aus seinen Filmen kennt. Und so wie diese sich beim Sehen des Videos an ihren Text erinnern, ist man auch während des Films – wie auch schon bei den letzten Resnais-Filmen, nur noch stärker als sonst – permanent an die anderen Filme von Alain Resnais erinnert.

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